Hanna Lucassen zur neuen Pflegeausbildung

Von wegen Schwester!
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Vesna Harni/pixabay

Eine Pflegekraft im Einsatz - nicht ich...

Hat eigentlich jemand mitbekommen, dass es den Beruf der Krankenschwester schon längst nicht mehr gibt? Seit 2004 heißt es offiziell: Gesundheits- und Krankenpflegerin. Das damalige Gesetz wollte die Eigenständigkeit und Vielseitigkeit des Berufes herausstellen. Hört her, die Beschäftigten in dieser Branche pflegen nicht nur Kranke, sondern auch die (Volks-) Gesundheit, etwa, in dem sie Menschen präventiv beraten, ganz allein, ohne Arzt. Bei dieser Gelegenheit schmiss man auch das altbacksche „Schwester“ raus, das noch aus dem Ordenswesen kam.

Eine gute Sache – auch wenn „Schwester“ weiter unverdrossen durch die Flure schallt. Mit Vornamen natürlich. Aber die neue Berufsbezeichnung hat sich auch schon bald überholt. Denn jetzt kommen: Pflegefachfrauen und -männer. Und das ist wirklich interessant, denn sie beenden eine Ära.

Aus drei mach eins

Bislang gab es drei Berufe nebeneinander: Altenpflege, Krankenpflege, Kinderkrankenpflege. Inhaltlich existierten Überschneidungen, aber alle Bereiche legten viel Wert auf ihre special skills: Die Altenpflege, dass sie den Menschen ganzheitlich begleitete und nicht zum reinen Fall degradierte. Die Krankenpflege, dass sie medizinisch so gut ausgebildet war. Die Kinderkrankenpflege sowieso – weil Kleine nun mal ganz anders ticken als große.

Das Pflegeberufegesetz von 2017 sah vor, die Ausbildungen zusammen zu führen. Aus drei Berufen wird einer: die Pflegefachfrau. Oder der Pflegefachmann. Zielrichtung wie immer: Der Beruf soll attraktiver werden, damit endlich mehr Leute ihn ausüben. Es folgten Riesendiskussionen innerhalb der Pflege. Umsetzungsprobleme in den Schulen. Ängste in der Altenpflege, wo die Löhne am niedrigsten sind („Wenn die Absolventen überall arbeiten können, dann bleibt ja keiner bei uns“).

Aber sie haben es tatsächlich durchgezogen: In diesem Jahr begannen die ersten generalistischen Ausbildungen. Genauer sieht das so aus: Alle Auszubildenden lernen zwei Jahre das Gleiche. Für das dritte Jahr entscheiden sie, ob sie ihre Ausbildung generalistisch fortführen. Möglich ist aber auch, die Ausbildung in alter Manier in der Altenpflege oder Kinderkrankenpflege zu beenden - vorausgesetzt, die Schulen bieten das an.

Was bringt´s ?

Fast alle Pflegenden, mit denen ich sprach, finden diese Reform unnötig. „Wir können ja sowieso wechseln“, meinen sie. Und haben schon Recht. Eine Krankenpflegekraft kann sofort in einem Altenheim anfangen – wenn sie denn den niedrigen Lohn akzeptiert. Habe ich ja auch gemacht. Umgekehrt ist es schon schwieriger, aber mit Weiterbildungen geht schon vieles. Trotzdem: Ich finde die generalistische Ausbildung tatsächlich attraktiver. Mir gefällt der Gedanke, alle Möglichkeiten zu haben und mich im Laufe des Lebens immer wieder neu entscheiden zu können. Als Berufsanfängerin kann es toll sein, erstmal in der Notaufnahme die volle medizinische Breitseite zu erleben. Wenn man selbst älter wird, wächst vielleicht das Gefühl für die Bedürfnisse alter Menschen – oder auch die Reife, Familien mit lebensbedrohlich erkrankten Kindern beizustehen.

Und was die Furcht der Altenpflege betrifft, dass ihnen die Beschäftigten weglaufen, da überzeugte mich die Leiterin einer Altenpflegeschule. Sie sagt: „Ja, die Träger der Altenhilfe müssen sich Gedanken machen, wie sie es schaffen, die Pflegekräfte zu halten. Alle Arbeitgeber in der Pflege müssen sich jetzt noch mehr anstrengen. Das ist für mich gerade ein Argument für die Reform.“


 


 


 

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Über diesen Blog

Schwester, Schwester! Hanna Lucassen erzählt von Streiks, Spritzen und Sonntagsdiensten.

Hanna Lucassen
Hanna Lucassen ist heute Journalistin - aber sie hat auch einen ordentlichen Beruf erlernt: 1994 machte die Frankfurterin ihr Diplom als Krankenschwester. Nach ein paar Jahren hängte sie den Kittel in den Schrank – bis jetzt die Corona-Krise kam. Nun hat sie sich als ehrenamtliche "Pflege-Reservistin" gemeldet.

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