Hanna Lucassen über offene und geschlossene Türen im Altenheim

Déjà-vu

privat/Hanna Lucassen

Auf geht´s zum Testen. Die Star-Wars-Anmutung ist nur eine Frage der Perspektive!

Heute ziehe ich durch die Flure. Die alten Leute lassen mich in ihre Zimmer - oder auch nicht

Die Bundeswehr hat mich verdrängt. Als ich ins Altersheim komme, um wie immer im Aufenthaltsraum Corona-Schnelltests durchzuführen, sitzen zwei junge Soldat:innen an meinem Platz. Ein Mann und eine Frau, die Tarnanzüge schimmerten olivefarben unter der dünnen weißen Gaze ihrer Schutzkittel. Sie grüßen freundlich durch Mundschutz und Schutzbrillen und sehen irgendwie - wie soll ich sagen - zackig aus.

Altenheime können Bundeswehrsoldaten als Hilfskräfte in der Corona-Krise anfordern. Derzeit sollen mehr als 4000 Soldat:innen in Senioren-Einrichtungen aushelfen und unter anderem Schnelltests durchführen. Das ist auch die Aufgabe dieser zwei. Sie seien den ersten Tag hier, erzählen sie. Medizinisch ausgebildet seien sie nicht, aber sie hätten eine Schulung bekommen.

Ich mit meinem Wägelchen

Dann brauchen sie mich wohl nicht mehr, denke ich, bis die Pflegedienstleiterin mir einen Rollwagen zeigt. Darauf liegen etwa dreißig Coronatests, Handschuhe, Desinfektionsmittel. Wir machen Arbeitsteilung: Ich soll über die Stockwerke ziehen und die alten Leute testen. Das ist neu, ab sofort soll das wöchentlich geschehen. Die Soldat:innen entnehmen im Aufenthaltsraum die Abstriche bei den Angestellten und Besucher:innen.

Zurück zu den Wurzeln... Mit einem Wägelchen von Zimmer zu Zimmer gehen, das kenne ich aus meiner Pflegerinnenzeit. Ist aber lange her. Fühlt sich seltsam an, als ich jetzt wieder vor einer Tür stehe, anklopfe, vorsichtig hineinschaue: Wer oder was erwartet mich da? Die Zimmer in Altersheimen haben diese seltsame Mischung aus Privatheit und Öffentlichkeit. Die Grundausstattung ist fast immer gleich: ein paar Quadratmeter abwischbarer Boden, ein Pflegebett mit Nachtschrank, ein Tisch, zwei Stühle, das Bad durch eine Schiebetür abgetrennt. Möbel von zuhause mitzubringen ist hier aber ausdrücklich erwünscht. In vielen Zimmern liegen Flickenteppiche oder orientalische Läufer aus, geschnitzte Holzkommoden konkurrieren mit breiten Polstersesseln um den wenigen Platz. Spitzendeckchen, Bumenvasen, eingerahmte Bilder der Eltern, Kinder, Enkel - erstaunlicherweise aber kaum Chaos. Die alten Frauen (die sind hier nun mal sehr klar in der Mehrheit) legen Wert auf Ordnung. Sie haben sich eingerichtet in dem Bewusstsein, dass immer wieder fremde Menschen einfach hineinkommen: Altenpflegerinnen, Betreuer, Küchenpersonal, Reinigungskräfte... Leute, die sich in ihrem Zimmer mindestens genauso so selbstverständlich bewegen wie sie selbst. Wer ist hier zuhause?

Eine schiebt mich aus dem Zimmer

Fast in allen Zimmer, in die ich heute nachmittag hineingehe, läuft der Fernseher. Die Bewohner:innen kleben aber nicht am Bildschirm, sie schauen mir erwartungsvoll entgegen, so als wären sie froh über die Unterbrechung. Eine Frau sitzt auf dem mit einer Tagesdecke bezogenen Bett. Sie hat den Oberkörper seitlich auf das Kissen gelegt und die Augen geschlossen. Als ich leise wieder rausgehen will, schlägt sie die Augen auf und lacht: "Ich tue so, als würde ich schlafen."

Immer wieder sage ich mein Sprüchlein auf. Dass alle getestet werden, dass ich mit dem Wattestäbchen in ein Nasenloch gehen werde, dass das Ergebnis nach fünfzehn Minuten da ist... Die meisten setzen sich schon parat und neigen den Kopf nach hinten. Eine sehr schmale Frau mit kurzem grauen Bob hört sich das an, steht auf und schiebt mich mit den Worten: "Also, das machen wir jetzt aber nicht" energisch aus dem Zimmer. Naja, ich gehe dann schon alleine. Als ich draußen im Flur stehe, geht die Tür hinter mir zu, und der Schlüssel wird zweimal umgedreht. Auch zwei, drei andere wollen sich nicht testen lassen, heben abwehrend die Hände oder sagen deutlich "Nein". Ich notiere das dann und gehe ein Zimmer weiter. Die Vorgabe ist: Alle Bewohner:innen sollen einmal die Woche getestet werden. Aber niemand gegen seinen Willen.
 

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Über diesen Blog

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Hanna Lucassen
Hanna Lucassen ist heute Journalistin - aber sie hat auch einen ordentlichen Beruf erlernt: 1994 machte die Frankfurterin ihr Diplom als Krankenschwester. Nach ein paar Jahren hängte sie den Kittel in den Schrank. Seit Beginn der Corona-Pandemie gehört sie aber zur "stillen Reserve" - und springt ein, wenn man sie braucht.

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