Hanna Lucassen über Leiharbeit in Klinik und Altenheim

Wer sind jetzt noch mal die Ausgebeuteten?
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Paula Lucassen/@pencilart_bnw

Bleistiftzeichnung mit Zusatzelement. Eine junge selbstbewusst blickende Frau mit Pferdeschwanz, ein rotes Kreuz auf dem Kragen

Leiharbeiter:innen gelten als letztes Glied in der Nahrungskette. Warum heuern trotzdem immer mehr Pflegende bei Leasing-Firmen an?

Bis ich die Krankenschwester und Autorin Nina Böhme traf, war mein Weltbild klar. Leiharbeit ist schlecht. Für die Angestellten, weil sie immer wieder Neue einarbeiten müssen. Für die Berufspolitik, weil die Mitarbeiter:innen keine gemeinsame Interessenvertretung haben. Und vor allem für die Leiharbeiter:innen selbst. Sie verdienen schlechter, obwohl sie das Gleiche arbeiten, müssen hingehen, wo man sie hinschickt und können jederzeit rausgekickt werden, je nach Auftragslage. Echte Ausbeutung, ganz klar. 

Frei heißt frei

Und dann sprach ich mit Nina Böhme, eine junge, kluge, gut ausgebildete Fachkraft, die erzählte: "Ich habe mich bei einer Leiharbeitsfirma anstellen lassen. Machen viele." Habe ich da was verpasst? Scheinbar schon. Die Vorteile lägen auf der Hand, sagt Nina Böhme, deren Freund in London lebt: "Ich brauche öfter ein paar freie Tage, um ihn zu besuchen. Hier bin ich nicht abhängig vom Dienstplan meiner Station, sondern gebe an, wann ich arbeiten kann." Und sie wird nicht - wie sonst Standard - "aus dem Frei geholt", um einzuspringen, wenn jemand anderes ausfällt. Über Geld sprachen wir nicht, aber mittlerweile weiß ich, dass Leiharbeitsfirmen oft besser bezahlen als die Pflegeeinrichtungen selbst. Spricht also viel dafür, sich dafür zu entscheiden.

Träger und Politik sind beunruhigt

Und das tun in der Tat immer mehr Pflegende. Zwar liegt der Anteil von zwei Prozent noch niedriger als in anderen Branchen (in der Gesamtwirtschaft sind es drei Prozent), aber er steigt stetig an. Heim- und Klinikleiter berichten seit Jahren, so heißt es, dass Pflegekräfte zunehmend die Betriebe verließen und sich von Leasing-Firmen anstellen lassen. Das beunruhigt die Träger. Zu Recht. Ist ja auch doof, wenn einem die Mitarbeiter:innen erst weglaufen. Und dann auf ein Gastspiel zurückkommen, ausgeruht und mit mehr Geld in der Tasche. Hat irgendwie keine gute Wirkung auf das Stammpersonal. Die Politik ist auch hellhörig geworden, vor allem in Berlin, wo der Anteil bei sieben Prozent liegt. Gesundheitssenatorin Dilek Kalayci startete Anfang 2020 eine Bundesratsinitiative, um Leiharbeit in der Pflege zu verbieten. Bislang erfolglos.

Klar ist ständiger Wechsel doof

Mit ihrer Argumentation hat Kalayci natürlich teilweise Recht: Wenn es zur Regel wird, Lücken mit Leiharbeiter:innen zu stopfen, leiden die Pflegebedürftigen. Sie brauchen Verlässlichkeit, Menschen, denen sie vertrauen - und die sich auskennen. Immer wieder Wechsel - das tut niemanden gut. Auch für das Stammpersonal ist das nicht toll, ohne Frage. Aber deshalb die Leiharbeit zu verbieten? Ein Modell, in dem die Pflegenden offenbar gerne arbeiten? Weil sie nicht gezwungen sind, Nachtdienst zu machen oder jedes zweite Wochenende zu arbeiten, und weil das Geld stimmt. Das soll abgeschafft werden, damit die anderen nicht unzufrieden sind und das möglicherweise auch wollen. Ich weiß nicht, ich weiß nicht... 

 

 

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Über diesen Blog

Schwester, Schwester! Hanna Lucassen erzählt von Streiks, Spritzen und Sonntagsdiensten.

Hanna Lucassen
Hanna Lucassen ist heute Journalistin - aber sie hat auch einen ordentlichen Beruf erlernt: 1994 machte die Frankfurterin ihr Diplom als Krankenschwester. Nach ein paar Jahren hängte sie den Kittel in den Schrank. Seit Beginn der Corona-Pandemie gehört sie aber zur "stillen Reserve" - und würde einspringen, wenn man sie braucht.

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