Hanna Lucassen über Leben im Altenheim

Eine neue Clique

Petra Blume auf Pixabay

Später mal ins Altenheim? Niemals! Oder doch?

Vor einigen Jahren habe ich mit meiner besten Freundin mal leichtfüßig ausgemacht: Wenn wir alt sind, ziehen wir zusammen ins Altenheim. Es war an einem heißen Sommertag, wir spannen ein bisschen herum. Meine Freundin hat das, glaube ich, auch nicht so ernst genommen. Bei mir aber hat sich der Gedanke eingenistet, und jetzt, wo ich im Altenheim arbeite, denke ich manchmal darüber nach: Ist das ein Ort, an dem man glücklich sein kann?

Hetzen durch lindgrüne Flure

Nein! lautet die Mehrheitsmeinung der Deutschen. Fast niemand will ins Heim. Auch meine Vorbehalte waren immer sehr groß. Erst recht, nachdem ich vor fünfzehn Jahren das erste Mal in der Altenpflege arbeitete. Der Träger war ein großer Konzern. Die alten Menschen, die nicht mobil waren, kamen teilweise gar nicht aus ihren Zimmern, geschweige denn an die frische Luft. Wir Pflegenden hetzten durch die langen Flure und schafften es kaum, das absolut Notwendige hinzukriegen: Das Insulin rechtzeitig vor dem Essen zu spritzen. Bettlägerige zu drehen, damit die Haut nicht aufgeht. Ihre Gelenke durchzubewegen, damit sie nicht steif werden.

Die nicht so pflegebedürftigen Bewohner:innen mussten lange warten, wenn sie etwas wollten und wurde oft angeherrscht. Der Stress spielte Pingpong mit uns allen. Die Wände waren lindgrün gestrichen, auf den Tischen lagen Decken im freundlichen Orange. Auf der Website des Trägers sah alles freundlich und einladend aus. In echt war es der Horror. Zum Arbeiten und, so schien mir, erst recht zum Wohnen.  

In der Sonne sitzen

In dem Heim, in dem ich aushilfsweise als Coronatesterin arbeite, herrscht eine andere Atmosphäre. Hier mischt sich in mein persönliches "Nein!" manchmal ein leises: "So schlecht ist es vielleicht gar nicht." Zum Beispiel, wenn ich die alten Frauen sehe, die oft in der Eingangshalle zusammen sitzen. Sie sind zu viert oder oder fünft, manchmal auch mehr. Ich sehe sie lachen und reden. Zuweilen aber hängen sie nur schweigend ihren Gedanken nach oder schauen den Vorbeilaufenden hinterher. Ist ja kein schlechter Platz hier. Das Klavier steht gegenüber. Mittlerweile kenne ich ihre Namen - und ihren Rhythmus: Vormittags und nachmittags sitzen sie hier für ein, zwei Stunden, vielleicht auch nochmal nach dem Abendbrot. Ein bisschen wie eine Clique von Jugendlichen, die sich an der Bushaltestelle treffen und zusammen abhängen, denke ich manchmal - mit dem Unterschied, dass die Frauen nicht am Handy daddeln. Und auch nicht rauchen. Zumindest nicht hier drinnen. Hinter dem Haus geht das.

Die Terrasse ist riesig. An einem der warmen Tage vor Ostern saßen hier an die dreißig Leute, in Liege- und Rollstuhlreihen, alle das Gesicht der Sonne zugewandt. Ein Betreuer lief herum, goss Blumen und drehte den Lautstärkeregler eines Ghettoblasters hoch. Es lief Schlagermusik in einer Club-Version, mit wabernden Bässen und Synthi-Sounds unterlegt. Die Stimmung: Irgendwas zwischen Après Ski und Kreuzfahrtschiff. Ich machte von innen die Fenster zu, war ein bisschen zu viel Beschallung. Von den Frauen aus der Eingangshalle saßen nur zwei an ihrem angestammten Platz. Ihnen war es auch zu laut. Eine dritte aber winkte mir gut gelaunt von der Terrasse zu, sie hatte ihren Schal geöffnet. Auf ihrem Rollator stand eine Tasse Kaffee.

Zuhause ist bessere Musikauswahl

Wie fände ich es, wenn ein Betreuer einfach irgendeine Musik einlegt, die ich dann hören muss, wenn ich in der Sonne sitzen will? Wie fände ich die Quizspiele und die festen Essenszeiten? Andererseits: Wie fände ich es, alleine in einer Wohnung zu hocken - wenn ich nicht mehr locker durch die Stadt fahren kann, um meine Freund:innen oder Familie zu sehen? Ist ja noch ein bisschen hin, vielleicht sind wir dann eh virtuell so miteinander verbunden, dass man das gar nicht mehr braucht? Trotzdem: Eine Clique mit realen Menschen im gleichen Haus zu haben - die Vorstellung hat was. Wenn dann noch echte Freund:innen dabei sind...  

 

PS: Frau Paulsen ist bei den Frauen in der Eingangshalle übrigens nicht dabei. Wegen der Osterferien habe ich sie jetzt über zwei Wochen nicht gesehen. Bei unserem letzten Treffen schenkte sie mir ein kleines töpfernes Huhn. Ich vermisse sie!


 

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Über diesen Blog

Schwester, Schwester! Hanna Lucassen erzählt von Streiks, Spritzen und Sonntagsdiensten.

Hanna Lucassen
Hanna Lucassen ist heute Journalistin - aber sie hat auch mal einen ordentlichen Beruf erlernt: 1994 machte die Frankfurterin ihr Diplom als Krankenschwester. In der Corona-Pandemie hat sie sich als "Reserveschwester" gemeldet. Und arbeitet nun einmal die Woche als Coronatesterin in einem Altenheim.

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