Hanna Lucassen über Kindheit und Alter

Fluchtgeschichten
Großvater und Enkelkind

A. Debus auf Pixabay

Heute mag ich mal nicht von Corona-Tests schreiben, oder von Impfmüdigkeit. Heute denke ich an meinen Großvater.

Heute ist der Geburtstag meines Großvaters. Wir nannten ihn Tate, er lebte bis zur Flucht 1945 in der Slowakei. Tate war agil. Er machte Nudelteig selbst, die dünn geschnittenen Fäden hingen zum Trocknen im Keller neben der Waschküche. Sein langer schmaler Garten führte bis zu einem Bachufer. Noch mit achtzig stieg er auf die Leiter und schnitt alle Obstbäume selbst. Nachbar:innen und Verwandte sahen ihn im Geiste schon mit Schenkelhalsbruch im Krankenhaus, verwirrt nach der Narkose, mit aufsteigender Lungenentzündung, man kennt das ja. Nur meine Mutter meinte immer: "Ist doch toll, dass er das noch macht." Woran Tate schließlich starb, weiß ich gar nicht mehr, es ging ihm langsam immer schlechter. Von der Leiter fiel er jedenfalls nicht.

Namen, die keiner mehr kennt

Tate sagte „Grumbeere“ zu Kartoffeln und „daheim“ zu einem Dorf nahe der Hohen Tatra. Seinen Akzent mit dem schwerfällig gerollten R höre ich dieser Tage manchmal wieder, hier im Altenheim. Viele der Menschen, die hier langsam den Flur entlangschlurfen, gestützt auf Rollatoren oder am Arm von Pfleger:innen, kommen aus den ehemaligen deutschen Ostgebieten. In der Bibliothek ist eine ganze Regalreihe gefüllt mit Büchern über Pommern, Ostpreußen, Sudetenland. Christine Brückners Poenichen-Trilogie steht neben Marion Gräfin Donhoffs „Namen, die keiner mehr kennt“. Während der Corona-Tests frage ich die Leute manchmal, woher sie stammen, um ins Gespräch zu kommen. Nicht selten erzählen sie dann von Flucht und Vertreibung.
Wen ich das höre, habe ich Schwarzweißbilder im Kopf: dick eingepackte Kinder, die neben den Trecks über vereiste Alleen stolpern. Eine Frau erzählt mir, sie sei mit ihren älteren Schwestern in einem Güterzug gefahren, sie war damals acht Jahre alt. Neben ihr hätten die Toten gelegen. Sie sagt auch: "Als wir dann endlich ankamen, wollte uns keiner haben". Das war auch Tates Erinnerung: "Wir standen auf dem Dorfplatz, mehrere Flüchtlingsfamilien. Alle wurden verteilt, wir blieben übrig. Niemand wollte eine Familie mit fünf Kindern. Am Ende musste eine Witwe uns ihr Obergeschoss überlassen." Zeigen, dass man es wert ist, dazuzugehören - Tate setzte auf Fleiß und Rechtschaffenheit, baute ein Haus, ging sonntags immer in die Kirche. Später sang er mit uns Enkeln besonders gerne: "Arbeit macht das Leben süß, Faulheit schwächt die Glieder".

Ich habe nichts versteckt!

All das habe ich im Kopf, als ich in der Pause einer alten Dame beim Mittagessen helfen darf. Frau D. sitzt im Rollstuhl an einem großen weißen Tisch, in der Mitte eine Vase mit rosa und weißen Kunststoffrosen. An ihrem Platz steht ein Teller mit püriertem Fleisch, Karottengemüse und Reis. Sie vergesse manchmal zu essen, hatte mir die Betreuerin gesagt: "Geben Sie ihr dann einfach eine Gabel in die Hand." Frau D. guckt nicht rüber und spricht kaum, sie kaut lange, nach fünf Minuten hat sie zwei Bissen zu sich genommen. Hin und wieder sinken ihre Hände in den Schoß, nesteln ein bisschen an der Serviette und bleiben liegen. Immer wenn ich ihre Finger berühre, um ihr das Besteck zu geben, sagt sie mit zarter Stimme: „Ich habe nichts versteckt! Nein, ich habe nichts versteckt!“ Sie hält mir wie zum Beweis ihre leeren Handflächen hin, dreht sie hin und her, und schaut mich ernst an.
"Ich sehe das, Sie haben nichts versteckt!“ antworte ich ihr. Ich habe schließlich gelernt, mit Menschen mit Demenz "validierend" zu kommunizieren: Man versucht nicht, ihre momentane Realität zu widerlegen, sondern steht ihnen mit einfühlendem Verständnis zur Seite. Ich denke, was Frau D. als Kind erlebt haben mochte. Vielleicht wurde sie immer wieder beschuldigt, etwas geklaut zu haben?

Süße Melonenstückchen

Die anderen sind schon gegangen, wir zwei sitzen alleine am Tisch. In der Dessertschale aus Glas liegt gesüßtes Dosenobst, Melonen, Ananas, Kirschen. Frau D. mag die gezuckerte Sauce, und die Melonenstückchen, geschickt fischt sie sie mit dem kleinen Löffel heraus. Eine Dreiviertelstunde etwa ist vergangen. Eine Betreuerin kommt und sagt: "Oh, heute haben Sie gut gegessen." Sie fährt den Rollstuhl ein bisschen zurück, nimmt die Serviette von Frau D.s Schoß, schüttelt sie über dem Boden aus: "Wird eh gleich durchgewischt." Mit ein paar Reiskörnern fällt auch eine rosa Kunsttoffrose herunter. Die junge Frau hebt die Blume auf, wedelt sie einmal durch die Luft und steckt sie zu den anderen in die Vase.
Ich muss so lachen... Auf die Idee, Frau D. könne sich auf die Gegenwart beziehen, bin ich mit all meiner klugen Validerei gar nicht gekommen.

 

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Über diesen Blog

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Hanna Lucassen
Hanna Lucassen ist heute Journalistin - aber sie hat auch mal einen ordentlichen Beruf erlernt: 1994 machte die Frankfurterin ihr Diplom als Krankenschwester. In der Corona-Pandemie hat sie sich als "Reserveschwester" gemeldet. Und arbeitet nun einmal die Woche als Coronatesterin in einem Altenheim.

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