Hanna Lucassen über Impfen im Altenheim

Wie lange noch?

pixabay/Mohamed Hassan

Die alten Leute im Heim sind geimpft. Aber mehr Freiheiten haben sie bislang noch nicht.

Wie lange noch? Das fragen mich die Bewohner:innen im Altenheim immer drängender. Wie lange sollen sie denn noch regelmäßig auf Corona getestet werden, mit diesem grässlichen Wattestäbchen in der Nase? Schon nach ihrem ersten Impftermin waren manche erstaunt, dass ich weiter jede Woche mit meinen Schnelltests vor ihrer Tür stand. Nach dem zweiten erst recht. Ich konnte das damit begründen, dass es einige Wochen dauert, bis der Schutz sich vollständig aufgebaut hat. Nun sind es fast sechs Wochen her. Wie lange noch? Vielleicht gibt der Impfgipfel heute darauf eine Antwort? Dort geht es schließlich (auch) um diese Frage: Bekommen Geimpfte wieder mehr Freiheiten? Muss man die Einschränkungen für sie nicht lockern?

Endlich wieder zur Gymnastik

Ja, unbedingt, sagt Maria Sievers vom BIVA-Pflegeschutzbund, der einzigen bundesweiten Interessenvertretung von Menschen, die in Heimen und anderen betreuten Wohnformen leben. Der Verein hat im Blick, wie die Bewohnerinnen die Pandemie-Einschränkungen erleben, die ja ihrem eigenen Schutz dienen. Im Frühjahr 2020 etwa kämpfte er erfolgreich gegen die Besuchsverbote, unter denen viele extrem litten. Jetzt fordert er: In "durchgeimpften" Heimen sollen die Menschen sich wieder freier bewegen können - bei Beachtung der AHA-Regeln. Heißt zum Beispiel: Im Speiseraum zusammen essen, Veranstaltungen wie Gymnastik oder Gedächtnistraining besuchen und eben auch Besucher:innen öfter als ein oder zweimal die Woche empfangen und diese nicht nach einer Stunde wieder verabschieden müssen. 

Viele Heime handhaben die Regeln sehr streng, sagt Sievers, haben Angst, zu lockern, sagt Sievers. Kein Wunder, schließlich geht es um Leben und Tod. Sie können das auch nicht frei entscheiden, sondern sind abhängig von den Schutzrichtlinien des jeweiligen Bundeslandes. Die wiederum richtet sich nach der Empfehlung des Bundesgesundheitsministerium. Jede Änderung muss von oben ausgehen und dauert lang, bis diese unten ankommt.

Weiter testen?

Zurück zum Thema Testen. Soll das auch gelockert werden? Maria Sievers sieht das nicht als dringliches Problem: "Wir bekommen dazu wenige Anfragen." Könnte also sein, dass es die alten Menschen nicht allzu sehr stört. Allerdings betont sie: Die Häufigkeit des Testens müsse an die Lebenswelt angepasst werden. Heimbewohner:innen, die nie das Haus verlassen, hätten ein geringes Risiko, sich anzustecken. Und bei dementen Menschen müsse man auch überlegen, ob das nötig sei.

Das überlege ich jedes Mal, wenn ich in "meinem Heim" unterwegs bin. Mittlerweile weiß ich ziemlich gut, für wen die Testerei eine Quälerei ist, und wer sie locker wegsteckt. Immer noch bewundere ich die vielen alten Damen, die sich ihre Taschentücher zurechtlegen, mich freundlich anschauen und sagen: "So, dann mal los! Was muss, was muss!" Darunter auch welche mit Demenz. Frau Paulsen etwa hält mir immer furchtlos ihr Nase hin und schaut gelassen in die Luft, bis ich fertig bin. 

Ich will nicht

Neulich saßen einige Leute im Gemeinschaftsraum zusammen - diese Heim ist nicht so streng - und wir verabredeten, dass ich sie gleich vor Ort teste. Eine nach der anderen ließen es über sich ergehen, schniefte, tränte, jede wurde beklatscht, war irgendwie auch ein Event.
Am Ende blieb nur noch Frau F. übrig. Eine Frau mit dementiellen Phasen, bei der ich regelmäßig eintrage: Verweigert den Test. Trotzdem frage ich sie jedesmal neu. Es kann ja sein, dass sich das ändert. Sie schüttelte auch diesmal den Kopf. "Nein, ich will das nicht." Die anderen schauten erstaunt hoch. Und versuchten sie zu überreden, wurden fast böse. "Du gefährdest uns alle! Das kannst du doch nicht machen!" Dann wandten sie sich an mich und fragten: "Das geht doch nicht, oder? Sie muss das doch!" Die anderen waren fast enttäuscht, schien mir, dass ich nicht härter durchgriff. Vielleicht werden sie das nächste Mal auch einfach Nein sagen? Ich werde es morgen sehen.

 

 

 

 

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Über diesen Blog

Schwester, Schwester! Hanna Lucassen erzählt von Streiks, Spritzen und Sonntagsdiensten.

Hanna Lucassen
Hanna Lucassen ist heute Journalistin - aber sie hat auch mal einen ordentlichen Beruf erlernt: 1994 machte die Frankfurterin ihr Diplom als Krankenschwester. In der Corona-Pandemie hat sie sich als "Reserveschwester" gemeldet. Und arbeitet nun einmal die Woche als Coronatesterin in einem Altenheim.

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