Hanna Lucassen über die neue Webserie "Ehrenpflegas"

Franziska geht Pflegeschule
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BMFSFJ

Pressefoto Filmplakat Youtube-Serie Ehrenpflegas

Die Familienministerin ließ Videos drehen, um für die Ausbildung zu werben. Jetzt steigen ihr die Pflegekräfte aufs Dach. Zu Recht?

Autsch, da hat Franziska Giffey voll den wunden Punkt erwischt. Und genüsslich in ihm herumgestochert. Fünf mal für sechs Minuten lang. So lange dauert die neue Web-Serie Ehrenpflegas, die der Pflegeszene große Schmerzen bereitet.
Worum geht´s? Wegen Fachkräftemangel versucht das Familienministerium, junge Leute zu einer Pflege-Ausbildung zu motivieren. Die Kampagne heißt "Mach Karriere als Mensch", ein Baustein ist die fünfteilige, 700.000 Euro teure Mini-Serie im "Fack ju Göhte"-Stil*, prominent besetzt mit drei aus Netflix-Serien bekannten Darsteller:innen. Sie läuft seit kurzem auf YouTube.
Erzählt wird die Geschichte des tumben Boris, der ziemlich planlos in eine Pflegeausbildung stolpert. ("Ich bin Boris. Ich gehe 1. Klasse. 1. Klasse Pflegeschule") Er will eigentlich gleich nach der Probezeit wieder gehen. In der Ausbildungsklasse freundet er sich mit zwei Mädchen an, einem hübschen und einem klugen.** Die eine ist für den Romantik-Faktor zuständig, die andere dafür, dem Publikum Hintergrundinformationen zu vermitteln. Schließlich haben die Videos ja auch ein aufklärerisches Ziel.
Es kommt, wie es kommen muss: Boris gewinnt das hübsche Mädchen für sich. Denn er ist zwar nicht so schlau, hat aber ein gutes Herz und ist nett zu den Bewohner:innen im Altenheim. Das reicht dann auch, um die Probezeit zu bestehen, und diesmal bleibt er bei der Stange.

Petitionen gegen die Serie

Tja, das sind die "Ehrenpflegas": ein paar schnelle holzschnittige Episoden. Natürlich zeichnen sie kein umfassendes Bild des Pflegealltags. Szenen im Krankenhaus fehlen erstaunlicherweise völlig. Aber das Ganze ist nicht unwitzig. Kann man gucken, finde ich. Und klar, man kann sich auch darüber aufregen. Das tun nun alle Seiten: Bekannte Youtuber verreißen die Serie als respektlos und anbiedernd. Pflegekräfte sind erzürnt. Sie starteten bereits zwei Petionen, um die Serie vom Netz zu nehmen. Hauptvorwurf: Es werde suggeriert, Pflege könne jeder Depp. Der Berufsverband der Pflegeberufe (DbfK) schreibt gar, die Darstellung verletze "Selbstverständnis, Ethos und Pflegefachlichkeit der Berufsgruppe".

Ist dies nicht ein wenig überreagiert? Die Spots sind nicht angetreten, um die Realität abzubilden. Ich frage mich, wie Ärzt:innen oder Jurist:innen reagiert hätten, wenn solche Clips über ihren Beruf online gegangen wären. Hätte die das überhaupt interessiert? Wahrscheinlich nicht.

Kampf um Anerkennung

Pflegende aber sind dünnhäutiger, und das hat seinen guten Grund. Kampf um Anerkennung  - das ist seit jeher eines ihrer großen Themen. Es war ein weiter Weg vom Liebesdienst zur bezahlten Berufstätigkeit, und die alten Rollenbilder kleben wie Pech an ihren Fersen. Nicht nur in Fernsehserien, auch in echt: "Danke an die kompetenten Ärzte und die lieben Schwestern" schreiben manche Patient:innen nach ihrer Entlassung.
Dass man nichts Besonderes können muss, um zu pflegen - gegen diesen Mythos rennen die Pflegenden immer wieder an. Als Norberts Blüm 1998 sagte: "Pflegen kann jeder", war die Branche tief getroffen. Ursula von der Leyens Vorschlag von 2012, die entlassenen Schlecker-Frauen sollten doch in die Altenpflege wechseln, sorgte erneut für Empörung. Und nun kommt Ehrenpflega Boris und posaunt in die Welt hinaus: Hier ist alles so was von easy!

Wie demütigend... Doch bleiben die Pflegekräfte nicht stumm, sie gehen an die Presse, starten Petitionen, drei Pflegestudent:innen haben sogar ein Gegen-Video produziert: Ehrenminista. Nicht schlecht. Franziska Giffey hat sicherlich etwas gelernt dabei: Wo die wunden Punkte der Pflegekräfte liegen. Vielleicht ist das gut. Vielleicht aber lenkt das auch ab von dem, um das es wirklich geht: Die Arbeitsbedingungen müssen sich verbessern, das wäre die beste Werbung. Das würde den Beruf attraktiver machen und junge Leute in die Pflege holen. Vor allem aber würde es dafür sorgen, dass auch die "alten Hasen" zufrieden sind und nicht nach durchschnittlich sieben Jahren den Beruf wieder verlassen. Denn das ist eine der Hauptursachen für den Fachkräftemangel. Ein Film, so gut oder schlecht er ist, ist nur ein Film. Entscheidend ist die Wirklichkeit.

 

 

 

 

Fußnoten:

*In ersten Medienberichten hieß es, dass die Fack ju Göhte-Macher an der Serie beteiligt wären. Das gefiel diesen offenbar gar nicht, sie distanzierten sich in einer Pressmitteilung sehr deutlich: "Wir stellen daher richtig, dass die Produzenten und Kreativen von Fack ju Göthe nicht in die Entwicklung, Produktion oder Vermarktung der Webserie involviert waren."

**Ich kann auch nichts dafür, das ist wirklich so holzschnittartig! Die Kluge trägt sogar eine Brille und hat in einer eingespielten Zukunftsvision natürlich weder Mann noch Kinder an ihrer Seite - im Gegensatz zur Hübschen...

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Über diesen Blog

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Hanna Lucassen
Hanna Lucassen ist heute Journalistin - aber sie hat auch einen ordentlichen Beruf erlernt: 1994 machte die Frankfurterin ihr Diplom als Krankenschwester. Nach ein paar Jahren hängte sie den Kittel in den Schrank. Seit Beginn der Corona-Pandemie gehört sie aber zur "stillen Reserve" - und würde einspringen, wenn man sie braucht.

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