Hanna Lucassen hört auf mit den Coronatests

Ausgetestet

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War schon ´ne gute Zeit...

Meine Zeit im Heim ist um. Oder geht´s erst jetzt richtig los?

Ich bin in Abschiedsstimmung. Ein paar Tage noch - dann läuft mein Arbeitsvertrag im Altenheim aus. Diesmal wird er nicht verlängert werden. Sechs Monate habe ich die Menschen hier auf Corona getestet: Das Personal, die Alten, die Besucherinnen und Besucher. Und mich selbst auch jedes Mal. "Huh, da kommt die Nasenbohrerin wieder!" begrüßte man mich oft mit gespielten Entsetzen. Jetzt sind die meisten geimpft, man muss nicht mehr so viel testen. Angst, mich anzustecken, hatte ich in diesen Monaten übrigens nie. Im Gegenteil, ich fühlte mich unter der Schutzkleidung sicher. Im Gegensatz zu den Altenpflegerinnen konnte ich zudem Abstand halten.

In den Mittagsschlaf

Nur einmal rückte ich etwas näher und half einer Frau ins Bett. Sie saß so müde im Rollstuhl vor ihrer Tür, ich mochte nicht Nein sagen. Nach dem Mittagessen wollen sich die meisten hinlegen, da haben die Pflegekräfte viel zu tun. Und mein Krankenschwesternherz wollte doch auch mal wieder gefordert sein. Sie rollte voran, ich ging hinter ihr ins schmale Zimmer mit dem Linoleumboden. Rechts in der Nische das Pflegebett in hellbrauner Holzoptik. Es lässt sich elektronisch hoch und runter fahren – zu meiner Zeit haben wir das noch mit dem Fußpedal gemacht. (Klingt, als wäre das zur Kaiserzeit gewesen...) Sie legte ihre Hornbrille ab, blinzelte mich prüfend an und gab sehr genaue Anweisungen: Während sie sich mühsam am Nachtschrank hochzog, stützte ich sie an Hüfte und Rücken. Ein, zwei Minuten konnte sie so stehen, in der Zeit sollte ich ihre hellgraue Baumwollhose bis zu den Knöcheln hinunterziehen. „Ja! Ich lege mich doch nicht mit Kleidung ins Bett!“ meinte sie ein bisschen außer Atem.

Kein Herumgezerre

Sie war nicht dick, aber ihr Körper hatte die zerbrechliche Schwerfälligkeit alter Menschen. Wäre sie gefallen, hätte ich sie nicht halten können. Ich habe ohnehin gelernt, in einem solchen Fall langsam mit zu Boden gehen. Es ging aber alles gut, Arm in Arm vollführten wir eine halbe Drehung, dann ließ sie sich auf die Bettkante sinken. Ich kniete vor ihr, löste die Klettverschlüsse der Schuhe, zog die Hose über die Füße. „Ordentlich auf den Stuhl legen bitte!“.

Schließlich lag sie im Bett – leider viel zu weit unten. Der Klassiker am Krankenbett. Von allein kommt sie nicht Richtung Kopfende. Zu meinem Ausbildungsbeginn 1991 haben wir die Kranken unter die Achseln gegriffen und - "Hauruck!" - nach oben gezerrt. Rückenschmerzen waren in dem Beruf normal. Doch bald kam die Kinästhetik, eine Bewegungslehre mit den Lehrsätzen: „Versuche nicht, den Patienten wie eine Sache zu heben, sondern unterstütze ihn in seiner Bewegung.“
Ich bat die Frau, die Knie aufzustellen und hielt ihre Füße. Sie sollte sich leicht nach rechts drehen und mit dem linken Fuß abstemmen. So rutscht die linke Körperhälfte nach oben. Das Gleiche dann mit der anderen Seite. Sie bewegte sich Schritt für Schritt dem Ziel entgegen. "Ist gut so, danke!" sagt sie, als ihr kleines rosa Kopfkissen neben ihr auftauchte. Sie nahm es liebevoll in die Arme und nestelte daran herum.

Gehen oder bleiben?

Solche Situationen werden mir fehlen. Vor allem aber die Leute hier. Frau Paulsen, Frau X. und Frau Y. Ich fand es gut, mal was anderes zu tun, als am Schreibtisch zu sitzen. In mir wächst der Gedanke, ob ich als Aushilfskraft in der Pflege weitermachen soll. Hier oder anderswo, Stellen sind nicht schwer zu kriegen. Allerdings: Dann wären solche Situationen nicht die Kür, sondern die Pflicht. Ich hätte ständig die Uhr im Kopf. Müsste rennen, Vorlagen wechseln, aufsteigende Gerüche aushalten. Als Coronatesterin freundlich das Wattestäbchen schwingen, ist das eine. Pflege ist ein "anderer Schnack", wie man in meiner norddeutschen Heimat sagen würde. Nirgendwo sonst kommt man fremden Menschen körperlich so nah.

Hier im Heim arbeiten nicht nur Pflegende, sondern auch Betreuungskräfte. Sie spielen Bingo mit alten Menschen, gehen mit ihnen an die frische Luft. Eine sitzt manchmal bei einer verwirrten Dame im Zimmer und liest ihr Märchen vor. Auch sie kommen den Menschen nahe, auf einer anderen Ebene. Passt das mittlerweile besser zu mir?

Um es kurz zu machen: Ich habe der Heimleiterin den Ball zugespielt. Gefragt, ob sie meine Arbeitskraft gebrauchen kann - und wenn ja, in welchem Bereich. Sie wollte es sich überlegen. Nächste Woche ist mein letzter Tag. Ob ich Ende des Sommers zurückkehren werde? Ich bin gespannt.

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Er hat umgeschult. Jetzt btreut er alte Menschen mit Demenz. Das ist anstrengend. Und bereichernd
Nö, sagen Simon, Daniela und Sang. Sie haben gerade ihr Examen in der Krankenpflege gemacht - und ziemlich gute Pläne
Die alten Leute im Heim sind geimpft. Kriegen sie damit auch mehr Freiheiten?
Spritzen geben, wenn der Rest der Familie gemütlich Sonntagsmärchen guckt? War manchmal nicht so schlecht, erinnert sich Hanna Lucassen.

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Über diesen Blog

Schwester, Schwester! Hanna Lucassen erzählt von Streiks, Spritzen und Sonntagsdiensten.

Hanna Lucassen
Hanna Lucassen ist heute Journalistin - aber sie hat auch mal einen ordentlichen Beruf erlernt: 1994 machte die Frankfurterin ihr Diplom als Krankenschwester. In der Corona-Pandemie hat sie sich als "Reserveschwester" gemeldet. Und arbeitet nun einmal die Woche als Coronatesterin in einem Altenheim.

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