Dominique Bielmeier denkt über Heimat nach

Das Ende von Ossi und Wessi?
Dominique sitzt mit Laptop am offenen Fenster und denkt über Heimat nach

Foto: Dominique Bielmeier

Vor dem offenen Fenster zwitschern die Vögel und drinnen denke ich darüber nach, wer ich eigentlich bin - und wenn ja, wie viele?

Vor dem offenen Fenster zwitschern die Vögel und drinnen denke ich darüber nach, wer ich eigentlich bin - und wenn ja, wie viele?

Liebe Anne,

eben habe ich deinen letzten Brief gelesen: Die Geschichte der vergänglichen Porzellankirche passt so wunderbar zu meiner Stimmung. Ich sitze am offenen Fenster, die Füße auf der Fensterbank, und lasse den Frühling in deine Wohnung. Den ganzen Tag war ich in der Stadt unterwegs, so viele Eindrücke einsammeln wie möglich, nun versinkt die Sonne langsam zwischen zwei Häusern auf der anderen Straßenseite. Es ist mein letzter komplett freier Tag in Frankfurt, am nächsten Samstag fahre ich schon wieder nach Dresden. Ich werde ganz unruhig, wenn ich daran denke – weil ich mich so freue, dann endlich mein Zuhause wiederzusehen; und weil ich mich gleichzeitig davor fürchte, wieder ein Stück von mir zurücklassen zu müssen.

Bestimmt kennst du das Gefühl, du hast ja auch schon in verschiedenen Städten gelebt: An jedem Ort, an dem man für längere Zeit wohnt, ist man jemand anderes, man hat andere Hobbys, andere Freunde, man spricht sogar anders. Und wenn man diesen Ort verlässt, bleiben Dinge zurück – manche Hobbys, manche Freunde, bestimmte Ausdrücke. Erst wenn man irgendwann zurückkehrt, auch nur zu Besuch, fällt einem wieder ein, wer man gewesen ist – und dieses Gefühl ist für mich meist mit einem bittersüßen Schmerz verbunden.

Gestern war ich seit Langem wieder einmal in Würzburg. Mit meiner besten Freundin aus dem Studium treffe ich mich in unregelmäßigen Abständen dort, um die Orte abzuklappern, die uns früher einmal wichtig waren. Während wir von der Kirche, in der wir unsere Abschlusszeugnisse bekommen haben, zu dem Café spazierten, in dem wir immer Kässpätzle gegessen haben, fragte sie mich plötzlich, ob alles in meinem Leben so gekommen sei, wie ich es mir damals, mit Anfang 20, vorgestellt hatte. Erschreckenderweise hatte ich mich das selbst noch nie gefragt, ich kam aber schnell zu dem Ergebnis: nein, überhaupt nicht.

Wer ich einmal gut zehn Jahre später sein würde, konnte ich mir damals beim besten Willen nicht vorstellen. Genau so wenig wie ich mir jetzt ein Bild von mir in zehn, zwanzig oder fünfzig Jahren machen könnte. Zum Glück! Wie viele wunderbare Dinge, die ich nie geplant hatte, sind in der Zeit passiert. Allein dieser Austausch mit dir. Wie viele tiefe Wunden hat aber auch jede größere Veränderung geschlagen. Manchmal fühlt es sich an, als könnte ich alle Puzzleteile meines Lebens nie mehr zu einem stimmigen Bild zusammenfügen.

Aber wenn ich dann wieder einmal durch ein früheres Zuhause gehe, ist mein Ich von einst plötzlich wieder da. Gestern war ich Anfang 20 und hatte Angst, die Bücherliste nicht bis zur Klausur zu schaffen. Vielleicht werde ich einmal an diesem Haus hier in Frankfurt vorbeigehen und nach oben zum Fenster sehen, so wie jetzt die ältere Dame, die ein wenig empört schaut, weil ich ihr so dreist meine Katzenstrümpfe präsentiere. Und ich werde ganz wehmütig sein, weil ich einmal (viel zu kurz) Frankfurterin war – so wie einmal Würzburgerin, Dresdnerin, Leipzigerin, sogar Engländerin. Oder besser: eigentlich noch bin.

Ich glaube, der Begriff, um den ich hier die ganze Zeit herumschreibe, ist Heimat. Das alles ist Heimat für mich, auch Frankfurt jetzt. Viel mehr als Kategorien wie „der Osten“ und „der Westen“. Ich glaube, dass es vielen jungen Menschen heute so geht. Vielleicht – hoffentlich – werden wir „Ossi“ und „Wessi“ irgendwann gar nicht mehr brauchen.

Die Sonne ist nun ganz hinter einem Haus verschwunden und auf einmal ist es ziemlich kühl. Ist etwa immer noch Februar? Ich gehe jetzt in die Küche und mache mir Grüne Soße mit Kartoffeln. Aber auf keinen Fall warm! Also nur die Kartoffeln – die Soße essen wir hier traditionell kalt.

Neue Lesermeinung schreiben

Wir freuen uns über einen anregenden Meinungsaustausch. Wir begrüßen mutige Meinungen. Bitte stützen Sie sie mit Argumenten und belegen Sie sie nachvollziehbar. Vielen Dank! Damit der Austausch für alle ein Gewinn ist, haben wir Regeln:

  • keine werblichen Inhalte
  • keine Obszönitäten, Pornografie und Hasspropaganda
  • wir beleidigen oder diskriminieren niemanden
  • keine nicht nachprüfbaren Tatsachenbehauptungen
  • Links zu externen Webseiten müssen zu seriösen journalistischen Quellen führen oder im Zweifel mit einem vertretbaren Prüfaufwand für die Redaktion verbunden sein.

Die Redaktion behält sich das Recht vor, Beiträge zu bearbeiten, macht dies aber stets kenntlich. Wir zensieren nicht, wir moderieren.
Wir prüfen alle Beiträge vor Veröffentlichung. Es besteht kein Recht auf Publikation eines Kommentars.

Über diesen Blog

Zwei Redaktionen, ein Blog: Dominique Bielmeier arbeitet bei der Sächsischen Zeitung in Dresden. Anne Buhrfeind und Dorothea Heintze bei chrismon in Frankfurt. Nun bloggen sie: Über ihren Redaktions-Austausch, ihr Leben als Ossi im Westen, ihr Leben als Wessi im Osten. Und ihren Alltag, hier wie dort.

Dominique Bielmeier
Dominique Bielmeier ist Stellvertreterin in der Stadtredaktion Dresden bei der Sächsischen Zeitung. Im Februar tauschte sie mit chrismon-Redakteurin Anne Buhrfeind drei Wochen lang die Schreibtische, Jobs und sogar Ehrenämter. Sie hat in Leipzig Journalistik studiert und arbeitet seit knapp sechs Jahren für die "Sächsische Zeitung" und für Saechsische.de.
,
Dorothea Heintze
Dorothea Heintze ist Redakteurin bei chrismon, allerdings in Teilzeit. Sie pendelt aus Hamburg dazu. Zwei Jahre lang, von 2016 bis 2018 war ihr Weg kürzer, denn da wohnten sie und ihr Mann in Erfurt. Eine tolle Stadt, nicht nur wegen des guten Biers und der leckeren Würstchen. Überhaupt der Osten: Dorothea Heintze ist schwer verliebt in alle neuen Bundesländer! Immer noch entdeckt sie so viel neues und hört spannende Geschichten, die sie gerne weiter erzählt.
,
Anne Buhrfeind
Anne Buhrfeind ist schon mal von Hamburg nach Dresden geradelt, da lag Meißen auf dem Weg. Das ist aber lange her. Und seither war sie immer nur kurz in Leipzig, Dresden oder Erfurt. Sie arbeitet seit zwölf Jahren bei chrismon, jetzt als stellvertretende Chefredakteurin, vorher war sie bei "Gala" und "woman" in Hamburg.

Blogs auf chrismon.de

Hier finden Sie eine Übersicht aller Blogs auf chrismon.de
Und hier können Sie alle Blogs direkt abonnieren

Blogs

Text:
Susanne Breit-Keßler
31 Beiträge

Fußball ist ihr Leben - sagt die ehemalige Regionalbischöfin und Schiedsrichtertochter Susanne Breit-Keßler. Und da der Ball rund ist und das zugehörige Spiel mindestens die wichtigste Nebensache der Welt, schreibt sie - wie schon bei der EM 2016 und der WM 2018 - wieder auf, was sie während der EM 2021 bewegt.

Text:
Dominique Bielmeier, Dorothea Heintze, Anne Buhrfeind
30 Beiträge

Zwei Redaktionen, ein Blog: Dominique Bielmeier arbeitet bei der Sächsischen Zeitung in Dresden. Anne Buhrfeind und Dorothea Heintze bei chrismon in Frankfurt. Nun bloggen sie: Über ihren Redaktions-Austausch, ihr Leben als Ossi im Westen, ihr Leben als Wessi im Osten. Und ihren Alltag, hier wie dort.

Text:
Claudius Grigat
25 Beiträge

Schön bunt ist das Familienleben, manchmal auch zu bunt. Geschichten aus dem turbulenten Alltag von Claudius Grigat