Dominique Bielmeier denkt über die Ossi-Quote nach

Plaste, Broiler, Popgymnastik
Hiltrud Werner auf einem Foto, das am 7. November 2918 in der Sächsischen Zeitung erschienen ist

Foto: Dominique Bielmeier

Eine, die es geschafft hat: Hiltrud Werner gehört heute zum Konzernvorstand von VW. Sie ist eine von nur vier Ostdeutschen - drei davon Frauen - in den 30 größten Dax-Unternehmen.

Hiltrud Werner auf einem Foto, das am 7. November 2918 in der Sächsischen Zeitung erschienen ist

Liebe Anne,

herzlichen Glückwunsch! Wenn mein Kollege dir „Flieg nich' auf die Dingse“ hinterherruft, während du mein Froschfahrrad aus dem Büro schiebst, dann bist du offiziell eingeostet. Ja eingeostet - nicht eingerostet. So nannte das Kolumnist Harald Martenstein in einer Glosse zur Ossi-Quote im Tagesspiegel Anfang Januar. „Reicht es, als geborener Duisburger 30 Jahre in Dresden gelebt zu haben, ist man dann erfolgreich eingeostet, oder zählen nur reinrassige Ossis, die direkt von Täve Schur abstammen?“, fragte er polemisch. Und: „Wenn sich um die Leitung des „Bundesamtes für Murmeltierschutz“ in Weißwasser eine westdeutsche Frau, ein Ossi und ein Rollstuhlfahrer bewerben und alle sind gleich qualifiziert, wer hat dann eigentlich Vorfahrt?“ Ich musste ein wenig lächeln.

Klar, Ossi-Quote, das klingt total albern. Natürlich ist das im Superwahljahr auch Wählerfang. Aber dass es so wenige Ostdeutsche - Ossis muss man in dem Kontext vielleicht wirklich nicht sagen - in Führungspositionen in den neuen Bundesländern gibt, kann einem schon zu denken geben. Nur ein Beispiel: Die Präsidenten der 25 Obersten Gerichte in Ostdeutschland sind ausschließlich Westdeutsche. Ausschließlich. Der Westen hat zwar eine deutlich größere Fläche als der Osten und damit auch mehr Einwohner. Aber dieses Missverhältnis ist schon eklatant.

Was meinst du: Wollen die Ostdeutschen einfach nicht? Können sie nicht? Oder ist es am Ende ein bisschen wie beim Missverhältnis von Männern und Frauen in Führungspositionen: Befördert oder eingestellt wird, wer den richtigen Stallgeruch hat. Wer „Plastik“ sagt und nicht „Plaste“, „Hähnchen“ und nicht „Broiler“, „Aerobic“ statt „Popgymnastik“.

Wahrscheinlich ist dieses Ungleichgewicht wirklich ein Problem, das sich in den nächsten Jahren von alleine lösen wird, wenn es immer weniger Führungskräfte gibt, die in der ehemaligen DDR geboren wurden. Heutige Schüler sagen wahrscheinlich deutschlandweit bereits „Overheadprojektor“ und nicht mehr, wie ich, „Polylux“. Wie schade, was für ein tolles Wort eigentlich.

Quotenregelungen kommen uns immer irgendwie falsch vor, wie ein unnatürlicher Eingriff in ein System, das sich selbst regulieren sollte. Aber manches reguliert sich eben nicht von alleine, manche Systeme wollen sich stur selbst erhalten, manchmal bewusst, oft unbewusst. Ich finde es toll, dass ihr hier bei chrismon ein Auge darauf habt, wie zum Beispiel das Gleichgewicht von Männern und Frauen im Heft ist, dass beide einigermaßen gleich repräsentiert werden und Frauen nicht etwa nur als Opfer. Weil auch die Welt so ist.

Übrigens: Falls wirklich einmal eine Ossi-Quote eingeführt werden sollte, habe ich möglicherweise gar nicht so gute Chancen. Ich sage nämlich „an Weihnachten“ und nicht „zu Weihnachten“, und manchmal sogar „unter der Woche“ statt „in der Woche“. Regelmäßig höre ich deshalb von meinem Kollegen, ich sei gar kein richtiger Ossi. Dann sage ich, „lass dir deinen Broiler besser in Stanniolpapier einpacken, wenn du erst noch zur Popgymnastik willst“, und schiebe trotzig mein Fahrrad aus dem Büro. Und er ruft mir hinterher: „Flieg nich' auf die Dingse!“

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Über diesen Blog

Zwei Redaktionen, ein Blog: Dominique Bielmeier arbeitet bei der Sächsischen Zeitung in Dresden. Anne Buhrfeind und Dorothea Heintze bei chrismon in Frankfurt. Nun bloggen sie: Über ihren Redaktions-Austausch, ihr Leben als Ossi im Westen, ihr Leben als Wessi im Osten. Und ihren Alltag, hier wie dort.

Dominique Bielmeier
Dominique Bielmeier ist Stellvertreterin in der Stadtredaktion Dresden bei der Sächsischen Zeitung. Im Februar tauschte sie mit chrismon-Redakteurin Anne Buhrfeind drei Wochen lang die Schreibtische, Jobs und sogar Ehrenämter. Sie hat in Leipzig Journalistik studiert und arbeitet seit knapp sechs Jahren für die "Sächsische Zeitung" und für Saechsische.de.
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Dorothea Heintze
Dorothea Heintze ist Redakteurin bei chrismon, allerdings in Teilzeit. Sie pendelt aus Hamburg dazu. Zwei Jahre lang, von 2016 bis 2018 war ihr Weg kürzer, denn da wohnten sie und ihr Mann in Erfurt. Eine tolle Stadt, nicht nur wegen des guten Biers und der leckeren Würstchen. Überhaupt der Osten: Dorothea Heintze ist schwer verliebt in alle neuen Bundesländer! Immer noch entdeckt sie so viel neues und hört spannende Geschichten, die sie gerne weiter erzählt.
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Anne Buhrfeind
Anne Buhrfeind ist schon mal von Hamburg nach Dresden geradelt, da lag Meißen auf dem Weg. Das ist aber lange her. Und seither war sie immer nur kurz in Leipzig, Dresden oder Erfurt. Sie arbeitet seit zwölf Jahren bei chrismon, jetzt als stellvertretende Chefredakteurin, vorher war sie bei "Gala" und "woman" in Hamburg.

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