Anne Buhrfeind über die Begegnung mit einer Ex-Dresdnerin

Anne Buhrfeind über die Begegnung mit einer Ex-Dresdnerin
So deutsch, deutscher geht’s nicht
Porträt Mirijam

Privat

Mirijam

Porträt Mirijam

Liebe Dominique,

Dresden ist die spannendste Stadt Europas, so, so. Für uns als Journalistinnen ist es schwer, sich darüber nicht zu freuen.

Trotzdem gruseln wir uns ein bisschen, wir hier im langweiligen Frankfurt. Aber nicht alle. Manche kriegen das gar nicht mit, erzählte mir gestern Mirijam Hache, 22. Mirijam aus Dresden, zahnmedizinische Fachangestellte, seit zwei Jahren in Frankfurt, seit zwei Wochen Schülerin auf der Fachoberschule. Sie hat hier schon Leute kennengelernt, die gar nicht wüssten, wo Dresden liegt. Sachsen? Nie gesehen. Vielleicht mal gehört. Ich staune.

Aber der Türsteher vor dem Klub, in den Mirijam wollte, der wusste Bescheid. Er lachte laut, als er in ihren Ausweis guckte. "Aus Dresden bist du! Wie hast du das denn gemacht?" Ich bin da geboren, hat ihm Mirijam erklärt. Da wird er erst recht gestaunt haben, denn Mirijam hat eine Hautfarbe, die in Frankfurt nichts Besonderes ist, aber in Dresden? Ihre Mutter ist Sächsin, ihr Vater Tunesier mit südafrikanischen Wurzeln.

Zuhause in der Dresdener Neustadt ist ihr das als Kind nicht so aufgefallen, dass sie die einzige Dunkelhäutige im Viertel war, aber später in der Grundschule hat sie Schimpfwörter kennengelernt – "die waren speziell für mich, so konnte man niemand anderen nennen."

"Ich wollte umziehen, seit ich zehn war", sagt sie. Ein paar Jahre später traf sie dann auch andere junge Leute mit dunklerer Haut, denn: "Man kannte sich, wenn man farbig war. Wir guckten HipHop-Videos, Youtube, es konnte auch ganz cool sein."

Wir essen fette Eisbecher in der vielleicht besten Eisdiele Frankfurts. Mirijam, was haben die Leute zu Ihnen gesagt, was waren das für Sprüche? Es waren manchmal Komplimente, weil sie "so gut Deutsch spricht". Oder sie hörte, nicht direkt an sie gerichtet, sie sei eine Ausländerin, und die seien "hier unerwünscht". Und die Physiklehrerin fand es wohl lustig, ein Quiz zu veranstalten, bei dem die Lösung "Neger" hieß.

Was sie an Frankfurt mag: die Weltoffenheit. Dass sie sich hier nicht so anders vorkommt. Aber ist sie nicht auch hier manchmal die einzige Dunkelhäutige im Kino? Mirijam lacht. "Och, so ein paar Nordafrikaner oder Asiaten sind da auch immer. Das reicht schon." Ihr Großvater hatte damals übrigens Bedenken gehabt, als sie umziehen wollte. "Das kannst du doch nicht machen, Miri, da gibt’s doch so viele Ausländer, das ist gefährlich!"

Wo fühlte sie sich fremd? "Als ich meinen Vater in Tunesien besucht habe. Da hat man keine Privatsphäre in den Häusern, die Leute werfen den Müll auf die Straße...  Ich bin so deutsch, deutscher geht’s nicht. Ordnung, Struktur, Pünktlichkeit, das ist meins."

Mirijams Freund ist Grieche. Also, er ist Deutscher, aber seine Eltern sind aus Griechenland. Er fühlt sich griechisch, sagt Mirijam. Und sie wirkt nicht so, als käme ihr die Welt, in der sie lebt, sonderlich kompliziert vor.

Wie erlebt sie Dresden, in diesen Zeiten? Neulich wollte sie doch mal "Pegida gucken", aber dann war’s ausgefallen. Auf die Gegendemo geht ihre Mutter. "Pegida", sagt Mirijam , "das sind die Unzufriedenen. Die Älteren. Aber Dresden ist doch viel mehr! Dresden ist so schön! Und die Jüngeren sind sowieso ganz anders. Meine Mutter sagt: In zwanzig Jahren ist das vorbei."

Aber dann erzählt Mirijam noch von ihrer Berufsschule in Dresden, wo es in Gemeinschaftskunde ein Wahl-Spiel gab. Von 22 Schülerinnen haben sich fünf für die NPD entschieden. Fünf für die AfD.

Ja, Dresden ist spannend, auch von hier aus. Tschüss, Mirijam!

Und tschüss, liebe Dominique. Halte uns unbedingt auf dem Laufenden...

Neue Lesermeinung schreiben

Wir freuen uns über einen anregenden Meinungsaustausch. Wir begrüßen mutige Meinungen. Bitte stützen Sie sie mit Argumenten und belegen Sie sie nachvollziehbar. Vielen Dank! Damit der Austausch für alle ein Gewinn ist, haben wir Regeln:

  • keine werblichen Inhalte
  • keine Obszönitäten, Pornografie und Hasspropaganda
  • wir beleidigen oder diskriminieren niemanden
  • keine nicht nachprüfbaren Tatsachenbehauptungen
  • Links zu externen Webseiten müssen zu seriösen journalistischen Quellen führen oder im Zweifel mit einem vertretbaren Prüfaufwand für die Redaktion verbunden sein.

Die Redaktion behält sich das Recht vor, Beiträge zu bearbeiten, macht dies aber stets kenntlich. Wir zensieren nicht, wir moderieren.
Wir prüfen alle Beiträge vor Veröffentlichung. Es besteht kein Recht auf Publikation eines Kommentars.

Über diesen Blog

Zwei Redaktionen, ein Blog: Dominique Bielmeier arbeitet bei der Sächsischen Zeitung in Dresden. Anne Buhrfeind und Dorothea Heintze bei chrismon in Frankfurt. Nun bloggen sie: Über ihren Redaktions-Austausch, ihr Leben als Ossi im Westen, ihr Leben als Wessi im Osten. Und ihren Alltag, hier wie dort.

Dominique Bielmeier
Dominique Bielmeier ist Stellvertreterin in der Stadtredaktion Dresden bei der Sächsischen Zeitung. Im Februar tauschte sie mit chrismon-Redakteurin Anne Buhrfeind drei Wochen lang die Schreibtische, Jobs und sogar Ehrenämter. Sie hat in Leipzig Journalistik studiert und arbeitet seit knapp sechs Jahren für die "Sächsische Zeitung" und für Saechsische.de.
,
Dorothea Heintze
Dorothea Heintze ist Redakteurin bei chrismon, allerdings in Teilzeit. Sie pendelt aus Hamburg dazu. Zwei Jahre lang, von 2016 bis 2018 war ihr Weg kürzer, denn da wohnten sie und ihr Mann in Erfurt. Eine tolle Stadt, nicht nur wegen des guten Biers und der leckeren Würstchen. Überhaupt der Osten: Dorothea Heintze ist schwer verliebt in alle neuen Bundesländer! Immer noch entdeckt sie so viel neues und hört spannende Geschichten, die sie gerne weiter erzählt.
,
Anne Buhrfeind
Anne Buhrfeind ist schon mal von Hamburg nach Dresden geradelt, da lag Meißen auf dem Weg. Das ist aber lange her. Und seither war sie immer nur kurz in Leipzig, Dresden oder Erfurt. Sie arbeitet seit zwölf Jahren bei chrismon, jetzt als stellvertretende Chefredakteurin, vorher war sie bei "Gala" und "woman" in Hamburg.

Blogs

Text:
Susanne Breit-Keßler
54 Beiträge

Essen und Trinken hält Leib und ­Seele zusammen. Und darüber Neues zu lesen, macht den Geist fit. Susanne Breit-Keßler wünscht Guten Appetit!

Text:
Claudius Grigat
25 Beiträge

Schön bunt ist das Familienleben, manchmal auch zu bunt. Geschichten aus dem turbulenten Alltag von Claudius Grigat

Text:
Johann Hinrich Claussen
112 Beiträge

Auch das Überflüssige ist lebens­notwendig: Der Autor und Theologe Johann Hinrich Claussen reist durch die Weiten von Kunst und Kultur

Text:
Franz Alt
76 Beiträge

„Lust auf Zukunft“ will unser Kolumnist Franz Alt vermitteln. Ob Energie, Politik, Gesellschaft, Familie oder Umwelt - überall ist der Wandel möglich und durch den Wandel eine bessere Welt für uns alle

Text:
Dominique Bielmeier, Dorothea Heintze, Anne Buhrfeind
22 Beiträge

Zwei Redaktionen, ein Blog: Dominique Bielmeier arbeitet bei der Sächsischen Zeitung in Dresden. Anne Buhrfeind und Dorothea Heintze bei chrismon in Frankfurt. Nun bloggen sie: Über ihren Redaktions-Austausch, ihr Leben als Ossi im Westen, ihr Leben als Wessi im Osten. Und ihren Alltag, hier wie dort.