Anne Buhrfeind fährt durch Freiheit und Heimat

Anne Buhrfeind fährt durch Freiheit und Heimat
Die Räder sind überall grün
Fahrradständer in Meißen

Foto: Anne Buhrfeind

Mit dem froschgrünen Fahrrad über Meißener Kopfsteinpflaster...

Fahrradständer in Meißen

Liebe Dominique,

gestern habe ich beim Abendspaziergang durch die „Freiheit“ so sehr über dein Thema nachgedacht, dass ich eben als Passwort in meinen Computer „Heimat“ getippt habe. Du bist wehmütig, wegen der vielen Heimaten, die Du jetzt hast. Sei froh drüber, komm wieder! Du bist herzlich willkommen in Frankfurt. Und Du wirst wahrscheinlich in nicht allzu ferner Zeit noch ganz woanders zuhause sein, Du ahnst noch nicht wo. Wir haben es doch gut, wir beiden, dass wir gehen können, wohin wir wollen. Heimat wird immer verlassen, und wer Glück hat, kann zurück kommen.

Im Deutschlandfunk war gestern ein Interview mit Antje Hermenau, sächsische Grünen-Politikerin. Ihr Buch „Ansichten aus der Mitte Europas“ erscheint nächsten Monat in der Evangelischen Verlagsanstalt Leipzig. Sie wünscht sich eine Ossi-Quote für die öffentliche Verwaltung. Das kommt mir merkwürdig vor. Wer wäre denn jetzt ein Ossi? Sind die Kandidaten für Verwaltungskarrieren nicht schon nach der Wende geboren? Verstehen könnte ich ja, wenn Sachsen (oder auch Niedersachsen) vorzugsweise solche Kandidaten einstellt, die das Land auf eigene Kosten ausgebildet hat. Aber Ossis, nach 30 Jahren, und die Wessis weg, mit „goldenem Handschlag“, das hört sich an wie ein schlechter Köder beim Wählerfang.

Ich hab mich schon so an Euch gewöhnt, an einige. „Flieg nich auf die Dingse“, hat mir dein Kollege hinterhergerufen, als ich neulich dein Fahrrad, laubfroschgrün wie die Sächsische Zeitung, aus dem Büro schob. Der Lokalchef hatte mir den Sattel auf die richtige Höhe gebracht, die Sonne scheint endlich, sieht nach Frühling aus, jetzt kann ich als radelnde Reporterin unterwegs sein. Jugend forscht, Ausstellungseröffnung, Hahnemannzentrum. Ja, Samuel Hahnemann (1755 – 1843), ich habe zwar irgendwann seine Biografie gelesen, wusste aber nicht mehr, dass der Begründer der Homöopathie ein Sohn der Stadt Meißens war. Sohn eines Porzellanmalers sogar. Wenn ich Meißen wäre, würde ich da mehr draus machen. Auch wenn ich keine Globuli-Anhängerin bin.

Auf deinem Fahrrad komme ich gut voran. Ich trödele über das Kopfsteinpflaster, und deine Fahrradklingel rappelt vor sich hin – gemütlich. Apropos Straße. Ich hatte eine Mail und ein schönes Gespräch mit Christof Voigt, Abteilungsleiter im Sächsischen Oberbergamt und Kirchenvorsteher in der Johanneskirche in Meißen. Er sieht auch, dass viele Menschen hier sich betrogen fühlen. Aber das liege nicht an einem „Ausverkauf“ und der Treuhand, sondern hänge mit den Reparationsleistungen an die Sowjetunion zusammen, dem Abbau von Infrastruktur und der „Insolvenz“ der DDR. Und jetzt spannt er den Bogen weit: „Wenn man bedenkt, dass die Regionen Deutschlands, die früher mal zum Römischen Reich gehörten, sich heute noch signifikant besser entwickeln als der große Rest Deutschlands, dann kann man kaum ermessen, wie lange es dauert, bis wir in wirtschaftlicher Hinsicht mit dem Westen gleichziehen können.“ Er kommt „zu dem verstörenden Ergebnis, dass der Vorteil von Deutschlands Süden heute noch ganz überwiegend aus den großartigen Römerstraßen resultiert.“ 

Wusstest du, dass es immer noch die Via Regia von Frankfurt nach Leipzig gibt? Das ist heute, jedenfalls auf den ersten Kilometern, ein wunderbarer Fahrradweg.

Neue Lesermeinung schreiben

Wir freuen uns über einen anregenden Meinungsaustausch. Wir begrüßen mutige Meinungen. Bitte stützen Sie sie mit Argumenten und belegen Sie sie nachvollziehbar. Vielen Dank! Damit der Austausch für alle ein Gewinn ist, haben wir Regeln:

  • keine werblichen Inhalte
  • keine Obszönitäten, Pornografie und Hasspropaganda
  • wir beleidigen oder diskriminieren niemanden
  • keine nicht nachprüfbaren Tatsachenbehauptungen
  • Links zu externen Webseiten müssen zu seriösen journalistischen Quellen führen oder im Zweifel mit einem vertretbaren Prüfaufwand für die Redaktion verbunden sein.

Die Redaktion behält sich das Recht vor, Beiträge zu bearbeiten, macht dies aber stets kenntlich. Wir zensieren nicht, wir moderieren.
Wir prüfen alle Beiträge vor Veröffentlichung. Es besteht kein Recht auf Publikation eines Kommentars.

Lesermeinungen

Die Via Regia ist übrigens von Görlitz bis Leipzig die Grundlage für den Ökumenischen Pilgerweg, der von Görlitz über Leipzig bis nach Vacha führt.

Über diesen Blog

Zwei Redaktionen, ein Blog: Dominique Bielmeier arbeitet bei der Sächsischen Zeitung in Dresden. Anne Buhrfeind und Dorothea Heintze bei chrismon in Frankfurt. Nun bloggen sie: Über ihren Redaktions-Austausch, ihr Leben als Ossi im Westen, ihr Leben als Wessi im Osten. Und ihren Alltag, hier wie dort.

Dominique Bielmeier
Dominique Bielmeier ist Stellvertreterin in der Stadtredaktion Dresden bei der Sächsischen Zeitung. Im Februar tauschte sie mit chrismon-Redakteurin Anne Buhrfeind drei Wochen lang die Schreibtische, Jobs und sogar Ehrenämter. Sie hat in Leipzig Journalistik studiert und arbeitet seit knapp sechs Jahren für die "Sächsische Zeitung" und für Saechsische.de.
,
Dorothea Heintze
Dorothea Heintze ist Redakteurin bei chrismon, allerdings in Teilzeit. Sie pendelt aus Hamburg dazu. Zwei Jahre lang, von 2016 bis 2018 war ihr Weg kürzer, denn da wohnten sie und ihr Mann in Erfurt. Eine tolle Stadt, nicht nur wegen des guten Biers und der leckeren Würstchen. Überhaupt der Osten: Dorothea Heintze ist schwer verliebt in alle neuen Bundesländer! Immer noch entdeckt sie so viel neues und hört spannende Geschichten, die sie gerne weiter erzählt.
,
Anne Buhrfeind
Anne Buhrfeind ist schon mal von Hamburg nach Dresden geradelt, da lag Meißen auf dem Weg. Das ist aber lange her. Und seither war sie immer nur kurz in Leipzig, Dresden oder Erfurt. Sie arbeitet seit zwölf Jahren bei chrismon, jetzt als stellvertretende Chefredakteurin, vorher war sie bei "Gala" und "woman" in Hamburg.

Blogs auf chrismon.de

Hier finden Sie eine Übersicht aller Blogs auf chrismon.de

Blogs

Text:
Claudius Grigat
25 Beiträge

Schön bunt ist das Familienleben, manchmal auch zu bunt. Geschichten aus dem turbulenten Alltag von Claudius Grigat

Text:
Susanne Breit-Keßler
19 Beiträge

Fußball ist ihr Leben - sagt Regionalbischöfin und Schiedsrichtertochter Susanne Breit-Keßler. Und da der Ball rund ist und das zugehörige Spiel mindestens die wichtigste Nebensache der Welt, schreibt sie - wie bereits bei der EM 2016 - auf, was sie während der WM in Russland bewegt

Text:
Dominique Bielmeier, Dorothea Heintze, Anne Buhrfeind
30 Beiträge

Zwei Redaktionen, ein Blog: Dominique Bielmeier arbeitet bei der Sächsischen Zeitung in Dresden. Anne Buhrfeind und Dorothea Heintze bei chrismon in Frankfurt. Nun bloggen sie: Über ihren Redaktions-Austausch, ihr Leben als Ossi im Westen, ihr Leben als Wessi im Osten. Und ihren Alltag, hier wie dort.