Susanne Breit-Keßler über Wein und Genuss ohne Getue

Wein vor Ort
Weinglas mit Rotwein und Blüten

Foto: Susanne Breit-Keßler

Wein aus Dalat

Weinglas mit Rotwein und Blüten

"Da", sagt mein Mann. "Schau mal! Ein tolles Lebensmittelgeschäft. Das sieht gut aus. Da fragen wir später, ob sie einen guten Wein haben." Er hat ein Auge für Qualität. Wir sind in Saigon, in der Hai Ba Trung Street, auf dem Weg zum Abendessen in einem winzigen Lokal mit vielleicht 16 Plätzen. Um uns herum steppt der Bär. Es ist schwül und wahnsinnig laut, die gefühlt Millionen von Mopeds hupen in einer Tour, die wenigen Autos auch. Die Straße zu überqueren bedeutet pures, blindes Gottvertrauen.

Danach, nach dieser in jedem Sinn atemberaubenden Exkursion, möchten wir in unserem Hotel gerne noch etwas trinken. Nicht in der Bar, wo auch der Punk abgeht, sondern in trauter Zweisamkeit auf dem Zimmer. Wir lieben zwar die flirrende Vitalität dieser Stadt, nicht aber die so genannten Hot Spots. Wir möchten für uns sein. Da ist eine Flasche Wein eine gute Idee. Also bummeln wir nach einem gemütlichen Essen in besagtes Geschäft. "Haben Sie vietnamesischen Wein?" frage ich. Haben sie nicht.

Vergnügt trinken, notfalls mit Eiswürfeln

Man führt Weine aus Chile, Argentinien, Australien, Südafrika und natürlich aus Italien und Frankreich. Auch deutscher Sekt ist zu bekommen. Der Wein aus dem eigenen Land wirkt gegen die internationale Konkurrenz offenbar unfein. Missmutig verlasse ich das Geschäft. Und stürme in den Supermarkt, den ich ausfindig gemacht habe. Ich weiß, was es da gibt. Einheimischen Wein aus Dalat, der "Stadt des ewigen Frühlings", der Stadt der Künstler oder "Klein-Paris". Ja, ja, trotzdem keine Offenbarung. Na und?

Ein einfacher Tischwein, herrlich simpel an schwülen Sommerabenden zu trinken. Man muss nicht ewig seine Nase hinein hängen, den Kopf bedeutsam wiegen und zu einem druckreifen Urteil kommen. Vergnügt trinken. Wenn der Wein zu warm wird, Eiswürfel rein, fertig. Schlaumeier, die im Internet behaupten, jeder Obstessig sei besser oder da würde in jede Flasche Maulbeersaft reingepanscht, die sollten ihren überkommenen imperialistischen westlichen Gestus mal kritisch überprüfen.

Freuen über alle Grenzen hinweg

Überdies nutzen die Vietnamesen längst europäische Technologie, fragen interessiert bei Franzosen und Australiern nach. Was mich betrifft: So gerne ich köstliche Weine mag, manchmal hängt mir das  Getue zum Hals raus. Kann man nicht andere machen lassen, zuschauen, wie sie etwas ausprobieren, helfen, wo man gefragt wird und mit ihnen gemeinsam sehen, was daraus wird? Wenn es nix ist, wird halt weiter experimentiert. Und wenn es schon ganz gut taugt, wie Wein aus Dalat, dann freut man sich halt über alle Grenzen hinweg.

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Über diesen Blog

Essen und Trinken hält Leib und ­Seele zusammen. Und darüber Neues zu lesen, macht den Geist fit. Susanne Breit-Keßler wünscht Guten Appetit!

Susanne Breit-Keßler
Susanne Breit-Keßler war bis 2019 Regionalbischöfin des evangelischen Kirchenkreises München-Oberbayern. Sie war Sprecherin vom "Das Wort zum Sonntag" und regelmäßige chrismon- Autorin. Außerdem ist sie Vorsitzende des Kuratoriums "7 Wochen Ohne" und Mitglied im Aufsichtsrat des GEP, dem Gemeinschaftswerk der Evangelischen Publizistik, in dem auch chrismon erscheint.

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