Susanne Breit-Keßler über Inflation und Zwetschendatschi

Ups - ist das teuer!
Susanne Breit-Keßler Zwetschendatschi

Susanne Breit-Keßler

22 Cent für einen Quadratzentimeter, da sollten wir jeden kleinen Bissen genießen

22 Cent für einen Quadratzentimeter

Inflation, die Aufblähung der Preise, führt zu Atemnot bei denen, die sie zahlen sollen

Bähm. Entschuldigung, wenn Sie solche Wörter nicht mögen. Dieses gehört zu meinem Wortschatz, seit ich die Cybercrime-Serie „Unit 42“ aus Belgien gesehen habe. Die Hackerin Billie, die bei der Polizei arbeitet, sagt „bähm“ immer dann, wenn sie etwas sehr Wesentliches herausgefunden hat. Ich bin ein Serien-Junkie und mag sowas. Na gut. Tut nicht viel zur Sache. Aber - „bähm“ - ich habe etwas herausgefunden. Dass ich wieder leichtsinnig war.

Ich stand beim Bäcker und habe vier Brez‘n gekauft, dazu eine Mohnsemmel. Mein Blick fiel obendrein auf einen Zwetschgendatschi, der verlockend in der Auslage dargeboten wurde. Mein Mann liebt Zwetschgendatschi und ich wollte ihm eine Freude machen. Also her damit. „Alles zusammen 8 Euro 20“, sagt der Verkäufer. „Bähm“. Ist das teuer. Ich überschlage die Rechnung und komme darauf, dass der Zwetschgendatschi 3 Euro 80 kostet.

Über die Preise für den Rest diskutieren wir besser nicht. Die sind seit einiger Zeit atemberaubend inflationär. Und jetzt noch ein Kuchenteil, so winzig, für so viel Geld … Datschi kaufen oder nicht ist keine existentielle Frage. Aber für viele Menschen geht der Preisanstieg inzwischen ans Eingemachte. Ich nehme das Teil, weil es ja um den Liebsten geht. Der Bäcker, ein Familienbetrieb, muss außerdem auch über die Runden kommen.

22 Cent für einen Quadratzentimeter

Ich packe also meine Brez‘n-Tüte und den Kuchen ein und gehe sinnierend nach Hause. „Iss das mit Verstand“, pflegte meine Mutter früher zu sagen, wenn sie etwas Teures oder Seltenes kredenzte. Etwas, von dem es nicht viel gab. Das war nicht moralisch gemeint. Sie adressierte das Gehirn. Ich sollte einfach nur wissen und begreifen, dass das, was ich gerade begann, in mich hineinzumampfen, etwas Besonderes war.

Nun mampft mein Liebster nicht. Er ist mehr der stille Genießer. Einer, der einfache Sachen mag und sie goutiert. Soll ich ihm sagen, was das Fitzelchen Zwetschgendatschi gekostet hat, damit er es zu schätzen weiß? Dann verhagelt es ihm den Appetit, weil ihn die wirtschaftliche Lage sowieso sehr besorgt stimmt. Er soll den Kuchen jetzt genießen. Künftig werde ich besser aufpassen und nicht gleich zuschlagen, wenn ich etwas Appetitliches entdecke.

Beim Gemüsehändler sehe ich frische Zwetschgen. Bähm! Ich hacke ein paar Rezepte im Internet und backe demnächst wieder selbst. Da kommt zwar auch Einiges an Kosten zusammen, vor allem, wenn ich die Preise für den Strom mit einberechne. Aber ich wette, es sind nicht fast vier Euro für 17 Quadratzentimeter Datschi … Dann kann Mann mal mit Verstand reinhauen. Und mindestens drei Stück auf einmal verputzen. Aber bitte mit Sahne.

Breit-Keßler

 "Prost Mahlzeit!".  Für gute Laune beim Kochen, mit vielen Rezepten, Kolumnen und Illustrationen. edition chrismon, 144 SeitenPR

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Susanne Breit-Keßler
Susanne Breit-Keßler schrieb viele Jahre die Kolumne "Im Vertrauen" für chrismon. Bis 2019 war sie Regionalbischöfin des evangelischen Kirchenkreises München-Oberbayern. Ihre journalistische Ausbildung absolvierte sie bei der Süddeutschen Zeitung und beim Bayerischen Rundfunk. Mehrere Jahre sprach sie "Das Wort zum Sonntag" in der ARD. Sie war bereits Autorin des chrismon-Vorläufers "Deutsches Allgemeines Sonntagsblatt".

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