Susanne Breit-Keßler über fremde Genüsse und neue Entdeckungen

Susanne Breit-Keßler über fremde Genüsse und neue Entdeckungen
Keine Schlangen, aber Rambutan
Rambutan-Früchte

Foto: Susanne Breit-Keßler

Rambutan-Früchte

Rambutan-Früchte

"Was der Bauer nicht kennt, frisst er nicht", pflegte meine Mutter ärgerlich zu sagen, wenn mein Vater wieder mal misstrauisch eine ihrer neuen Gemüsekreationen beäugte. Das war nicht wirklich nett gemeint und politisch korrekt war es erst recht nicht. Bauern sind weltläufige Leute und wer mich nach den Landfrauen fragt, wird entdecken, dass ich quasi die erste Vorsitzende ihres Fanclubs bin. Meiner Mutter waren solche Feinheiten schnurz. Sie sagte generell, was sie dachte. Und was sie meinte, bezog sich nicht auf einen Berufsstand, sondern auf eine Geisteshaltung, eine Mentalität.

Was einem fremd ist, lehnt man ab. Damit will man sich nicht  befassen. Das fängt beim Essen an. In Vietnam, wo ich mich derzeit aufhalte, gibt es immer noch viel, was ich nicht kenne. Und auch nicht unbedingt probieren will: Schlangen, frittierte Skorpione oder knusprige Insekten zum Beispiel. Aber zuhause esse ich auch nicht alles, dann kann ich hier doch auch schauen, was mir liegt. Rambutan zum Beispiel, die außen kuschelige, kitzlige Lychee, die einfach wunderbar schmeckt. Oder die prachtvolle, kalorienarme Drachenfrucht, die man als Saft, Kompott, Eis genießen oder roh essen kann.

Wasserspinat statt Wiener Schnitzel

Wenn ich in einem anderen Land bin, suche ich nicht nach Wiener Schnitzel, Frankfurter Würstchen oder Pizza und Spaghetti. Ich will riechen, schmecken, fühlen, was es dort gibt. Will mich einlassen auf Zitronengras-Eistee, Sommerrollen mit Tofu, Wasserspinat und Meeresalgen. Ich esse mit Stäbchen, so gut ich es eben kann. Und freue mich über unerwartete, verbindende Gemeinsamkeiten: Bành mí, das beste Baguette der Welt, Kekse mit Schokolade, Erdbeeren, Kohlrabi und Weißbier. Alles aus Vietnam. Was der Bauer nicht kennt, frisst er nicht... Da wäre man schön dumm.

Vielfalt genießen macht den Geist weit und das Herz auf. Wie gesagt, man muss nicht alles gutheißen oder für sich übernehmen, was andere mögen. Aber wenigstens freundlich hinschauen sollte man, versuchen, abwägen, unterscheiden, sich ein eigenes Urteil bilden. Es gibt bei anderen so viel zu entdecken, was einen selber reicher, klüger, feinsinniger macht. Schön, dass auch bei uns in Deutschland so viele Kulturen inzwischen zuhause sind. Und was bin ich froh, dass meines Vaters Tochter von klein auf lernen durfte, sich ständig auf Neues einzulassen. Klare Worte inklusive.

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Über diesen Blog

Essen und Trinken hält Leib und ­Seele zusammen. Und darüber Neues zu lesen, macht den Geist fit. Susanne Breit-Keßler wünscht Guten Appetit!

Susanne Breit-Keßler
Susanne Breit-Keßler schrieb viele Jahre die Kolumne "Im Vertrauen" für chrismon. Seit 2000 ist sie Regionalbischöfin des evangelischen Kirchenkreises München-Oberbayern und seit 2003 Ständige Vertreterin des bayerischen Landesbischofs. Ihre journalistische Ausbildung absolvierte sie bei der Süddeutschen Zeitung und beim Bayerischen Rundfunk. Mehrere Jahre sprach sie "Das Wort zum Sonntag" in der ARD und war bereits Autorin des chrismon-Vorläufers "Deutsches Allgemeines Sonntagsblatt".

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