Blog: Susanne Breit-Keßler über die Kunst, Servietten zu falten

Der Bär pflückt Blumen
Servietten in verschiedenen Ausführungen

privat

Viele bunte Servietten liegen bei Frau Breit-Kessler auf dem Tisch.

Viele bunte Servietten liegen bei Frau Breit-Kessler auf dem Tisch.

Papier- oder Stoffservietten filigran falten – das erinnert unsere Autorin an den verhassten Geometrieunterricht. Sie probiert es trotzdem.

Gäste kommen. Welche Servietten nehmen wir? Die Auswahl bei denen aus Papier, Vlies und Zellstoff ist groß – bei vielen Gelegenheiten bekommen wir welche geschenkt. „Oh happy day“ steht zum Beispiel drauf oder „Lieblingsgast“ und „Kaffeeklatsch“. Botticelli-Engel schielen mit verschränkten Armen gen Himmel und Gustav Klimts Liebespaar gibt sich den berühmten Kuss. Robben tummeln sich am Meer, ein Bär überreicht bildlich eine eben gepflückte Rose oder schaut auf einer anderen Serviette ernst aus seinem herbstlichen Strickpullover.

Und dann gibt es solche, die sozusagen Unikate sind. Ein Golden Retriever ist drauf, der sieht aus wie mein Kumpel Henry, der hinreißende TV-Hundestar vom Bayerischen Fernsehen. Unmöglich, diese Serviette jemals zu verwenden. Sie wird natürlich aufgehoben – genauso wie die kostbaren schweren in Gold und Schwarz, die mit festlichen Bordüren verziert sind. Die haben uns unsere Freunde Martin und Juri überreicht. Zu schön zum Verwenden. Abstrakte Darstellungen in Hell und Dunkel sind eher zum Verbrauch geeignet. Sie passen sehr gut zum Geschirr und der Tischdecke.

Serviette – das ist die kleine Dienerin. Die, die einem dezent hilft, sich nicht vollzukleckern oder den Mund unauffällig abzuwischen. In groß kann man sie einsetzen, um sie wie ein Kellner einsatzbereit über den Arm zu legen. Auf diese Weise macht man dann keine Tapper auf Teller und Gläser oder gießt geschickt aus Weinflaschen ein. Aber das würde am heimischen Esstisch etwas merkwürdig wirken. Ich entscheide mich für unifarbene Stoffservietten. Diese Servietten sind à la longue ökologischer, weil sie nicht nach einmaligem Gebrauch weggeworfen werden, sondern gewaschen und gebügelt wieder auf dem Tisch erscheinen können.

Jetzt käme die eigentliche Herausforderung: Falten! Servietten brechen nennt man das eigentlich und diese Formulierung kommt meinen Gefühlen sehr nahe. Denn ich kann das nicht. Ich verstehe auch keine Beschreibungen und Zeichnungen. Sie erinnern mich fatal an meinen Geometrieunterricht. In diesem Fach haben sich selbst die gütigsten Lehrer an mir die Zähne ausgebissen. Alle freundlichen und langwierigen Erklärungen habe ich hoch interessiert, aber vollkommen verständnislos verfolgt.

Lesen Sie hier: Wie Susanne Breit-Kessler Speisen fermentiert

Und jetzt das: Gestrichelte und durchgehende Linien, Pfeile … Ich lese mit Staunen: „Die obere Hälfte der Serviette nach unten falten. Die rechte untere Ecke zur linken unteren Ecke falten und dabei die rechte obere Ecke zur Mitte der unteren Kante führen. Die linke Ecke des Dreiecks nach rechts falten. Die linke obere Ecke zur Mitte der unteren Kante falten. Die linke Hälfte des Dreiecks nach rechts falten. Jetzt kann der dreifache Tafelspitz aufgestellt werden.“ Bitte was? Dreifacher Tafelspitz. Kann ich ohne Probleme kochen, aber nicht falten.

Es gibt Abhilfe, die mir jedwede Blamage erspart. Niemand will die Konstruktionen sehen, die ich zusammenknülle, wenn ich Servietten falte. In einer Schublade bewahre ich Serviettenringe auf. Ganz alte aus Silber, von den Großeltern meines Mannes zum Beispiel. Oder Entwürfe von einem italienischen Designer – und lustige mit einem Entchen drauf. Die sollten nur nicht mit hungrigen Bären oder Robben kombiniert werden …. Ich nehme also schöne Ringe statt zu „brechen“, was mir von der Wortwahl her sowieso viel besser gefällt. Waschen und faltenlos Bügeln vermag ich auch – und schon liegt La Serviette elegant auf dem Teller. Geht doch.

Leseempfehlung

Kochshows im Fernsehen, aber Fertiggerichte in der Mikrowelle. Echt jetzt?
Würze ins Leben bringen - wie macht man das eigentlich?

Neue Lesermeinung schreiben

Wir freuen uns über einen anregenden Meinungsaustausch. Wir begrüßen mutige Meinungen. Bitte stützen Sie sie mit Argumenten und belegen Sie sie nachvollziehbar. Vielen Dank! Damit der Austausch für alle ein Gewinn ist, haben wir Regeln:

  • keine werblichen Inhalte
  • keine Obszönitäten, Pornografie und Hasspropaganda
  • wir beleidigen oder diskriminieren niemanden
  • keine nicht nachprüfbaren Tatsachenbehauptungen
  • Links zu externen Webseiten müssen zu seriösen journalistischen Quellen führen oder im Zweifel mit einem vertretbaren Prüfaufwand für die Redaktion verbunden sein.

Die Redaktion behält sich das Recht vor, Beiträge zu bearbeiten, macht dies aber stets kenntlich. Wir zensieren nicht, wir moderieren.
Wir prüfen alle Beiträge vor Veröffentlichung. Es besteht kein Recht auf Publikation eines Kommentars.

Über diesen Blog

Essen und Trinken hält Leib und ­Seele zusammen. Und darüber Neues zu lesen, macht den Geist fit. Susanne Breit-Keßler wünscht Guten Appetit!

Susanne Breit-Keßler
Susanne Breit-Keßler schrieb viele Jahre die Kolumne "Im Vertrauen" für chrismon. Bis 2019 war sie Regionalbischöfin des evangelischen Kirchenkreises München-Oberbayern. Ihre journalistische Ausbildung absolvierte sie bei der Süddeutschen Zeitung und beim Bayerischen Rundfunk. Mehrere Jahre sprach sie "Das Wort zum Sonntag" in der ARD. Sie war bereits Autorin des chrismon-Vorläufers "Deutsches Allgemeines Sonntagsblatt".

Blogs auf chrismon.de

Hier finden Sie eine Übersicht aller Blogs auf chrismon.de
Und hier können Sie alle Blogs direkt abonnieren

Blogs

Text:
Susanne Breit-Keßler
204 Beiträge

Essen und Trinken hält Leib und ­Seele zusammen. Und darüber Neues zu lesen, macht den Geist fit. Susanne Breit-Keßler wünscht Guten Appetit!

Text:
21 Beiträge

Als ehemalige Klinikseelsorgerin und jetzt als Krebspatientin kennt die Pfarrerin Karin Lackus den medizinischen Alltag aus sehr unterschiedlichen Perspektiven. Im Blog "Krankenstand" schreibt sie über das Gesundheitswesen, die Sterbehilfedebatte, Patientenrechte, Patente, Heilungsgeschichten, Impfgerechtigkeit und vieles mehr.

Text:
68 Beiträge

Dorothea Heintze lebt in einer Baugemeinschaft in Hamburg und weiß aus eigener Erfahrung: Das eigene Wohnglück finden ist gar nicht so einfach. Dabei gibt es tolle, neue Modelle. Aber viele kennen die nicht. Und die Politik hinkt der Entwicklung sowieso hinterher. Über all das schreibt sie hier.

Text:
Franz Alt
248 Beiträge

„Lust auf Zukunft“ will unser Kolumnist Franz Alt vermitteln. Ob Energie, Politik, Gesellschaft, Familie oder Umwelt - überall ist der Wandel möglich und durch den Wandel eine bessere Welt für uns alle

Text:
Johann Hinrich Claussen
274 Beiträge

Auch das Überflüssige ist lebens­notwendig: Der Autor und Theologe Johann Hinrich Claussen reist durch die Weiten von Kunst und Kultur

Text:
32 Beiträge

Die afghanische Frauenrechtlerin Tahora Husaini hat in Berlin Zuflucht gefunden. Oft ist sie mit ihren Gedanken in ihrer Heimat, bei ihrer Familie, bei den hochragenden Bergen um Kabul. In ihrem Blog nimmt sie uns mit.