Afganistan-Konferenz in Berlin - bitte mehr als schöne Bilder und Worte

Hilfe für Afghanistan? Doch welche?
Tahora Husaini Diaspora KOnferenz in Berlin

Thomas Ecke/Berlin

Bleibt mehr als dieses schöne Bild von der Konferenz in Berlin?

Tahora Husaini Diaspora KOnferenz in Berlin

Die Bemühungen zur Unterstützung der Zivilgesellschaft in Afghanistan sind groß. Doch können wir aus Deutschland überhaupt etwas bewegen?

Ende Juni war ich zur Konferenz „Afghanische Diaspora in Deutschland: Zusammenarbeit für die Unterstützung der Zivilgesellschaft in Afghanistan“ im Auswärtigen Amt eingeladen. Ich hatte große Erwartungen. Als ich in der Empfangshalle ankam, traf ich direkt auf eine Gruppe von Afghanen. Darunter waren viele junge Frauen, die in Afghanistan in den verschiedensten Bereichen gearbeitet hatten und erst kürzlich mit der Hilfe von deutschen Institutionen nach Deutschland evakuiert wurden. Einige Gesichter kamen mir bekannt vor – sie waren aktiv auf Social-Media-Kanälen, um über die Verletzung von Frauenrechten und ihre vergeudeten Bemühungen der letzten Jahre zu berichten.

Ich war sehr erfreut, so viele junge Frauen aus Afghanistan zu treffen. Manche von ihnen haben es geschafft, ein Stipendium für das Studium an einer Universität zu bekommen. Andere haben große Schwierigkeiten, die deutsche Sprache zu lernen. Doch alle von ihnen waren mit Herz und Kopf nach wie vor in Afghanistan. Ein gemeinsames Schicksal, das uns an diesem Tag alle zusammenbrachte. Ein Schicksal, das Aisha Khurram, die 2019 afghanische Jugenddelegierte bei der UNO war, auf der Rednerbühne besonders gut zum Ausdruck brachte.

Außenministerin Baerbock betonte in ihrer Rede die langjährigen Beziehungen zu Afghanistan, welche bereits seit dem späten 19. Jahrhundert bestehen. Es war mir neu, dass die afghanische Diaspora mit über 300.000 Menschen eine der größten in Deutschland ist. Erneut musste ich mich fragen, weshalb evakuierte Afghanen dennoch als Geflüchtete zweiter Klasse behandelt werden.

Deutschland und Afghanistan verbindet eine lange Geschichte - mit Verantwortung

Während der Pause diskutierte ich mich mit einer der Teilnehmerinnen, die bis zuletzt als Frauenrechtlerin in Afghanistan tätig war, wie wir einen sinnvollen Beitrag leisten können. Eine deutsche Frau mittleren Alters setzte sich mit einer Tasse Tee zu uns und erzählte, dass sie schon oft in Afghanistan gewesen sei und liebend gern erneut hinreisen würde. Bereits bei ihrem ersten Besuch verliebte sich in dieses Land. Solche Aussagen höre ich oft von Nicht-Afghanen, die das Land bereits einmal besucht haben. Der Boden dort hat etwas Magisches – hat man ihn einmal betreten, bleibt ein Teil der Seele auf ewig dort zurück.

Ich fragte sie, ob diese Veranstaltung nur eine Show sei, zur bloßen Vermittlung eines guten Eindrucks. Sie kam etwas näher und erzählte mir, wie beeindruckt sie war von den vielen Dokumenten über deutsch-afghanische Beziehungen, die sie in den Archiven des Auswärtigen Amtes gefunden hatte. „Sei dir im Klaren, dass Afghanistan nicht plötzlich vom Himmel gefallen ist und diese Beziehungen schon seit vielen Jahren bestehen. Amanullah Khan war einer der ersten Könige überhaupt, der zu Besuch nach Deutschland kam. Wir tragen eine große Verantwortung für dieses Land. Ihr könnt das als politisches Druckmittel nutzen.“

Während des Workshops fiel allen eine Frage besonders schwer zu beantworten: Wie können wir die Zivilgesellschaft in Afghanistan unterstützen? Wir versuchten logische Antworten zu finden, fanden uns aber immer wieder in einer Sackgasse. Schließlich erhob ein kritischer Journalist seine Stimme: „Welche Zivilgesellschaft denn? Diese Frage ist voller Widersprüche. Die Mentalität der Taliban und ihre willkürlichen Gesetze machen eine funktionierende Zivilgesellschaft, die auf Basis der Demokratie institutionalisiert ist, um die Handlungen der Regierung zu überwachen und den Stimmlosen eine Stimme zu geben, unmöglich. Die derzeitigen Machtinhaber machen die Bevölkerung mundtot, inhaftieren und foltern Aktivisten. Niemand traut sich noch etwas zu sagen.“

Was sollten die Friedensverhandlungen mit den Taliban?

Ich sah mir ihre Gesichter an. Enttäuschung und Verzweiflung machten sich breit. Ihre Worte waren voller Zorn. Was sollten die Friedensverhandlungen mit den Taliban? Die zivile Bevölkerung hatte keinerlei Mitspracherecht an den Verhandlungstischen, obwohl förmlich darum gebettelt wurde. Jetzt ist es zu spät. Es ist unmöglich, vernünftig mit den Taliban zu diskutieren.

Es gab großen Redebedarf. Viele von ihnen waren Aktivisten, die jahrelang hart für ein gutes Leben arbeiteten und sich ihre Anerkennung in der Gesellschaft mühsam erkämpft hatten. Jetzt müssen sie sich, neben all dem Trauma und der Depression, mit der komplizierten Bürokratie in Deutschland rumplagen und versuchen sich in eine völlig andersartige Gesellschaft zu integrieren, während ihre Verwandten und Freunde weiter in der Heimat leiden.

Ich schaute mich ein weiteres Mal um und stellte fest, dass ich sich keiner der Vertreter des Ministeriums wirklich am Dialog beteiligte, als ob es uns Afghanen allein obliege, Lösungen zur Unterstützung der Zivilgesellschaft in Afghanistan zu finden. Sie saßen abseits mir ihren Kopfhörern und lauschten unbeteiligt der Übersetzung. Einer der Vertreter schloss sogar seine Augen, als würde er ein Nickerchen halten, während Afghanen ihr Leid zum Ausdruck brachten.

Mädchen müssen wieder zur Schule gehen können

Dann fragte eine Teilnehmerin in lauter Stimme: „Wollen Sie überhaupt wirklich den Menschen und vor allem Frauen in Afghanistan helfen? Es scheint paradox. Wenn es Deutschland Ernst meint, dann sollte alles dafür getan werden, Druck auf die Taliban-Regierung auszuüben, sodass Mädchen wieder zur Schule gehen und Frauen zur Arbeit gehen können.“ Alle nickten zustimmend und bestätigten ihr fehlendes Vertrauen, dass der Westen wirklich in Afghanistan helfen möchte.

Als ich von der Konferenz nach Hause kam, blieb eine Frage weiter unbeantwortet. Wie können wir die Taliban umgehen und in Afghanistan echte Hilfe leisten? Selbst die faire Verteilung der gelieferten Hilfsgüter stellt aktuell ein Problem dar. Ich hoffe, diese Konferenz war ein wichtiger Schritt nach vorn und landet nicht nur im Archiv mit einem netten Gruppenfoto.

Nichts mehr verpassen. Erhalten Sie regelmäßig alle Reportagen, Interviews und Kommentare im Monatsabo. Jetzt testen im Probeabo von chrismon plus. Gedruckt und digital – hier bestellen

Neue Lesermeinung schreiben

Wir freuen uns über einen anregenden Meinungsaustausch. Wir begrüßen mutige Meinungen. Bitte stützen Sie sie mit Argumenten und belegen Sie sie nachvollziehbar. Vielen Dank! Damit der Austausch für alle ein Gewinn ist, haben wir Regeln:

  • keine werblichen Inhalte
  • keine Obszönitäten, Pornografie und Hasspropaganda
  • wir beleidigen oder diskriminieren niemanden
  • keine nicht nachprüfbaren Tatsachenbehauptungen
  • Links zu externen Webseiten müssen zu seriösen journalistischen Quellen führen oder im Zweifel mit einem vertretbaren Prüfaufwand für die Redaktion verbunden sein.

Die Redaktion behält sich das Recht vor, Beiträge zu bearbeiten, macht dies aber stets kenntlich. Wir zensieren nicht, wir moderieren.
Wir prüfen alle Beiträge vor Veröffentlichung. Es besteht kein Recht auf Publikation eines Kommentars.

Über diesen Blog

Die afghanische Frauenrechtlerin Tahora Husaini hat in Berlin Zuflucht gefunden. Oft ist sie mit ihren Gedanken in ihrer Heimat, bei ihrer Familie, bei den hochragenden Bergen um Kabul. In ihrem Blog nimmt sie uns mit.

Tahora Husaini
Nur eine Woche bevor die Taliban in Kabul einmarschierten, besuchte die jetzt in Deutschland lebende Tahora Husaini noch ihre Familie. Sie engagiert sich seit Jahren für die Rechte von Frauen im Nahen Osten, speziell in Afghanistan. Was geschieht dort jetzt nach dem Einmarsch der Taliban? Vor allem mit den Frauen? Tahora Husaini erzählt.

Blogs auf chrismon.de

Hier finden Sie eine Übersicht aller Blogs auf chrismon.de
Und hier können Sie alle Blogs direkt abonnieren

Blogs

Text:
Susanne Breit-Keßler
194 Beiträge

Essen und Trinken hält Leib und ­Seele zusammen. Und darüber Neues zu lesen, macht den Geist fit. Susanne Breit-Keßler wünscht Guten Appetit!

Text:
16 Beiträge

Als ehemalige Klinikseelsorgerin und Krebspatientin kennt die Pfarrerin Karin Lackus den medizinischen Alltag aus sehr unterschiedlichen Perspektiven. Im Blog "Krankenstand" schreibt sie über das Gesundheitswesen, die Sterbehilfedebatte, Patientenrechte, Patente, Heilungsgeschichten, Impfgerechtigkeit und vieles mehr.

Text:
Franz Alt
238 Beiträge

„Lust auf Zukunft“ will unser Kolumnist Franz Alt vermitteln. Ob Energie, Politik, Gesellschaft, Familie oder Umwelt - überall ist der Wandel möglich und durch den Wandel eine bessere Welt für uns alle

Text:
26 Beiträge

Die afghanische Frauenrechtlerin Tahora Husaini hat in Berlin Zuflucht gefunden. Oft ist sie mit ihren Gedanken in ihrer Heimat, bei ihrer Familie, bei den hochragenden Bergen um Kabul. In ihrem Blog nimmt sie uns mit.

Text:
62 Beiträge

Dorothea Heintze lebt in einer Baugemeinschaft in Hamburg und weiß aus eigener Erfahrung: Das eigene Wohnglück finden ist gar nicht so einfach. Dabei gibt es tolle, neue Modelle. Aber viele kennen die nicht. Und die Politik hinkt der Entwicklung sowieso hinterher. Über all das schreibt sie hier.

Text:
Johann Hinrich Claussen
265 Beiträge

Auch das Überflüssige ist lebens­notwendig: Der Autor und Theologe Johann Hinrich Claussen reist durch die Weiten von Kunst und Kultur