Johann Hinrich Claussen über Weihnachtsbilder

Johann Hinrich Claussen über Weihnachtsbilder
Weihnachtskunst mit Neil MacGregor
macgregor.jpg

Foto: privat

In England ist ein sehr schönes Projekt gestartet worden, das auf das Feinste die christliche Tradition mit der digitalen Moderne verbindet: „The Visual Commentary on Scripture“ ist eine Website, die biblische Texte mit Hilfe christlicher Kunstwerke erschließt. Das ist ein reizvolles, ernstes Spiel. Die Regeln sind einfach: Jeder Beiträger kuratiert eine Mini-Ausstellung von drei Bildern, die jeweils und gemeinsam einen neuen Blick auf einen biblischen Text eröffnen, und schreibt dazu kurze Kommentare. Das soll Predigerinnen, Lehrer, interessierte Menschen jeder Art anregen, bilden und erbauen.

Für ein berühmtes Weihnachtsmotiv wurde Neil MacGregor als Bibel-Bild-Kurator gewonnen. Er hat sich die Geschichte von der Anbetung der Hirten vorgenommen und dazu drei klassische Gemälde ausgewählt (die ich allesamt vorher nicht kannte). Gemeinsam bezeugen diese, wie mit der Geburt Jesu eine neue Welt beginnt, die oben und unten umkehrt, die Gewalt und die Mächtigen entthront, denn der wahre König ist ein neugeborenes Kind, das eine Friedensbotschaft für alle Menschen bringt. Diese erreicht zuerst ausgerechnet Hirten auf dem Feld, also arme Menschen am Rand der Gesellschaft. Allerdings, darauf weist MacGregor mit einer gewissen Schärfe hin, ist die umstürzende Bedeutung dieses Motivs in der Geschichte der Kirche und ihrer Kunst nicht ausreichend gewürdigt worden: Viel lieber hat man die Anbetung der Könige malen lassen.

Wie MacGregor das herrlich Provokative, den symbolischen Reichtum, den theologischen Tiefsinn und das existentiell Anrührende dieser Geschichte und dieser Gemälde mit ganz wenigen Worten vorstellt – war es für mich fast wie eine Predigt: Frohe Weihnachten!

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Auch das Überflüssige ist lebens­notwendig: Der Autor und Theologe Johann Hinrich Claussen reist durch die Weiten von Kunst und Kultur

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