Johann Hinrich Claussen über verlorene Reichtümer

Johann Hinrich Claussen über verlorene Reichtümer
Dahin, dahin
villa_gruber.jpg

privat

Es war in der dritten Klasse der Grundschule, da sollten wir in der ersten Stunde des neuen Schuljahres unser schönstes Ferienerlebnis malen. Ich wählte den Brand des großen Ferienhauses von Axel Springer auf Sylt und verbrauchte viele rote Wachsmalstifte. In der Nähe hatten wir Ferien gemacht, mein ältester Bruder hatte mich zu dieser Katastrophe mitgenommen. Sie ist meines Wissens nie aufgeklärt worden. Ein riesiges, prächtiges mit Reet gedecktes Haus, in einem Nu war alles weg.

In diesem Sommer waren wir in Genua und haben eine ehemals imposante, jetzt aber furchtbar heruntergekommene Villa über der Altstadt mit einem großzügig und fein angelegten Park davor besucht: die Villa Gruber. Einst hatte sie einem Urahnen von uns gehört. Er war Mitte des 19. Jahrhunderts zu unfassbarem Reichtum gekommen: Ein Junge aus Lindau, der ganz aus eigener Kraft zu einem der erfolgreichsten Kaufleute Europas wurde. Friedrich Gruber hieß er.

Da unsere Familie nichts Besonderes ist, bewahrheitete sich leider auch bei uns die alte Regel, dass ein Vermögen für drei Generationen reicht. Dann ist es aus damit, und andere Familien dürfen zur Abwechslung reich werden. Mein Urgroßvater noch genoss das Leben zuerst in der Villa Gruber in Genua, dann in einem Palais am Bodensee, das sich ebenfalls Friedrich Gruber verdankte. Er war der Letzte. Ein besonders glücklicher Mensch muss er gewesen sein, aber er scheint auch darunter gelitten zu haben, dass er aus keinem seiner vielfältigen Talente etwas Richtiges gemacht hatte. Das lag wohl auch daran, dass er nicht arbeiten musste.

Dieses Problem haben wir, seine Nachfahren, zum Glück nicht mehr. Deshalb wollen wir den verlorenen Besitztümern nicht hinterhertrauen oder sie nach Hohenzollern-Art zurückfordern (die nötige Sanierung könnten wir ja gar nicht bezahlen). Aber sie besuchen, uns in sie hineinträumen, das erlauben wir uns schon mal.

P.S.: Wer zur Abwechslung Lust auf theologische Aufheiterungen hat, den weise ich auf eine kleine, neue Sammlung von Kolumnen aus meiner Hand hin: „Von Laubpustern, Tattoos und anderen christlichen Traditionen“.

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Auch das Überflüssige ist lebens­notwendig: Der Autor und Theologe Johann Hinrich Claussen reist durch die Weiten von Kunst und Kultur

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Johann Hinrich Claussen ist Kulturbeauftragter der Evangelischen Kirche in Deutschland. Das heißt, er kümmert sich um das Gespräch zwischen Kirche und Kultur.

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Zwei Redaktionen, ein Blog: Dominique Bielmeier arbeitet bei der Sächsischen Zeitung in Dresden. Anne Buhrfeind und Dorothea Heintze bei chrismon in Frankfurt. Nun bloggen sie: Über ihren Redaktions-Austausch, ihr Leben als Ossi im Westen, ihr Leben als Wessi im Osten. Und ihren Alltag, hier wie dort.