Johann Hinrich Claussen über Tourismus und Emigration

Johann Hinrich Claussen über Tourismus und Emigration
So viele Menschen unterwegs
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privat

Wenn man in einer Stadt wie Genua einmal mit eigenen Augen sieht, wie einer dieser riesigen Erholungstanker in den vergleichsweise überschaubaren Hafen einfährt, wie solch ein schwimmendes Hochhaus alle Gebäude am Ufer überragt, die architektonischen Verhältnisse und Bezüge der Stadt sprengt, dabei finsterste Abgaswolken ausstößt, wie anschließend große Menschengruppen in sommerlicher Entspannungskleidung durch die engen Gassen der nicht eben prächtigen Altstadt marschieren, dann kann man auf eine neue Herleitung des Wortes „Kreuzfahrtschiff“ kommen: Man denkt nicht mehr ans ziellos-lässige Hin-und-her-Kreuzen, sondern an regelrechte Kreuzritter-Invasionen.

Und man erschrickt, wenn man dann in der Zeitung oder auf dem Smartphone von Migranten in Seenot auf eben demselben Meer liest. Man fühlt aber auch eine Scheu in sich wachsen, wenn man von allzu eindeutigen moralischen Urteilen aus Deutschland über Italien liest.

Und wenn man dann noch das Glück hat, sich das unfassbar interessante Fontane-Buch von Iwan-Michelangelo D’Aprile zur Urlaubslektüre gewählt zu haben und aus ihm erfährt, dass Massenmigration und Massentourismus zur gleichen Zeit entstanden sind – Thomas Cook eröffnete sein Reisegeschäft Mitte des 19. Jahrhunderts, als viele der gescheiterten 1848er-Revolutionäre ins Exil mussten (und Fontane war mit beiden Bewegungen intensiv befasst) – dann kann einem sehr schwindelig werden.

P.S.: Wer zur Abwechslung Interesse an nicht immer ganz ernst gemeinten theologischen Glossen hat, den weise ich - ganz uneigennützig, versteht sich - auf diese kleine Sammlung eigener Versuche in diesem Genre hin: „Von Laubpustern, Tatoos und anderen christlichen Traditionen“

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