Johann Hinrich Claussen über SPD und EKD

Progressiv und konservativ?
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chrismon.de

Schnell vergisst man das Personal der politischen Bühne, wenn es einmal abgetreten ist. Dabei lohnt es sich erst dann, ihm zuzuhören. So hat mich kürzlich der Bericht über einen Vortrag von Andrea Nahles ins Nachdenken gebracht, auch über meine Kirche.

Einen Artikel über einen Vortrag einer ehemaligen Parteivorsitzenden lesen, warum sollte man das tun? Nun, die vermeintlichen Aufreger, das Marketinggerede, die Ablenkungsdiskurse, die einem die aktuelle Wahl-Saison beschert, lässt in einem die Sehnsucht groß werden nach einer ehrlichen, nachdenklichen Wortmeldung.

Vor kurzem hat die „Süddeutsche Zeitung“ über einen Vortrag berichtet, den Andrea Nahles schon vor einem halben Jahr im Seminar eines Politikwissenschaftlers gehalten hat. Darin analysiert sie die Probleme ihrer Partei. Dabei bietet sie keine sensationell neuen Einsichten, wohl aber eine unbefangen-ernsthafte Selbstprüfung. Besonders einleuchtend fand ich, wie sie den Abstand zwischen heutigem Führungspersonal und ehemaliger Stammwählerschaft beschrieb: eher akademisch und linksliberal oben – tendenziell prekär und sozialkonservativ unten. In den Augen ihrer ehemaligen Stammwählerschaft sei die Partei „oft zu weit links bei kulturellen Fragen und zu wenig klar und zu wenig engagiert bei ökonomischen Fragen“.

Ich bin kein Politikwissenschaftler, kann also diese Einschätzung sowie die darin verborgene Empfehlung nicht beurteilen. Aber ich hatte Assoziationen zu meinem eigenen Berufsfeld. Dass Pfarrerschaft und Kirchenglieder unterschiedliche Prioritäten haben, ist dabei gar nicht neu. Während für letztere Weihnachten der Inbegriff des Christlichen ist, soll es bei ersteren Menschen geben, die aufseufzen, wenn sie „Stille Nacht“ hören. Auch möchten Pfarrerinnen und Pfarrer nicht auf das Gestalten von Ritualen bei Lebensstufen reduziert werden, obwohl das für viele „Laien“ das Wichtigste ist.

Nun hat sich meine Kirche in der vergangenen Zeit aus guten Gründen wiederholt für diskriminierte, verfolgte, bedrohte Minderheiten eingesetzt. Das hat bei vielen Kirchengliedern auch Widerstände hervorgerufen. Sollte sie also – á la Nahles – in Zukunft wieder stärker auf das Bedürfnis vieler Kirchenglieder nach Vergewisserung, Beheimatung und Traditionspflege eingehen? Also konservativer auftreten? Was spräche eigentlich dagegen, wenn es ohne gegenwartsfeindliche Verbiesterung und rückwärtsgewandte Rechthaberei geschieht? Das Bewahren und Weitergeben von kostbaren Traditionsgütern (und dabei das Aussortieren von weniger wertvollen Erbstücken) ist ja, recht betrachtet, ein Akt kulturell-religiöser Ökologie.

Doch ich stocke, wenn ich von der Empfehlung lese, die SPD solle weniger Minderheitenpolitik betreiben und sich mehr um die Mehrheit kümmern. Das dürfte für uns kein gangbarer Weg sein. Auch wenn ich kein identitätspolitischer Aktivist bin, denke ich doch, dass die Gleichberechtigung von Minderheiten, recht betrachtet, allen zugutekommt. Wir leben doch nicht in einer Gesellschaft, die aus einer riesigen Mehrheit in der Mitte und ein paar winzigen Minderheiten am Rand bestünde. Vielmehr setzt sie sich aus vielen, unterschiedlichen Gruppen zusammen, von denen jede sich als benachteiligte Minderheit verstehen könnte: kranke, überforderte, einsame, so oder so liebende, verwaiste, kinderreiche, sorgenvolle, ungehörte, erschöpfte, ausgebrannte, abgehängte, behinderte, alte, junge Menschen… Da gilt es doch, dabei mitzuhelfen, dass eine Atmosphäre entsteht, in der alle atmen und sich ausdrücken können. Dies deutlich zu machen, könnte eine Aufgabe meiner Kirche sein. Dann würden vielleicht wieder mehr Menschen aufhorchen, wenn wir etwas sagen. Dazu müssten unsere öffentlichen Verlautbarungen allerdings weniger erwartbar formuliert sein.

P.S. Kennen Sie die „Tanckstelle“? Das ist ein schöner YouTube-Interview-Kanal von Fanny Tanck. Gerade war ich dort zu Besuch.

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Lesermeinungen

Träumen ist nicht verboten. Was Frau Nales bedrückt, war ja auch der Grund für die Wahl von Trump. Schreibt auch Herr Clausen von dieser Warte? Es wird permanent drumherum geredet. In der Demokratie entscheidet die Mehrheit. Deren Bedenken sind entscheidend. Die Konsequenzen können auch "unchristich" sein. Menschliche Schwächen per Mission (alle Menschen sind Brüder) nachhaltig verändern zu wollen, ist müßig. Selbst die nahezu 2000 jährige Mission der Christen hat daran nichts geändert. Wir leben hier wie unter einer Glocke. Wird deren Klang zu laut, werden sich die Reichen zuerst eine neue Bleibe suchen. So war es schon immer und viele Idealisten vorneweg. Denn kein Ideal verträgt sich mit der blanken Not.

"In der Demokratie entscheidet die Mehrheit." So steht es im großen demokratischen Glaubensbekenntnis, das jeder anständige Bürger flüssig aufsagen kann.

Bei Glaubensbekenntnissen aller Art ist es angebracht, ihren Inhalt zu überprüfen. Über die Grundlinien der Regierungspolitik entscheidet der Bundeskanzler. Steht so im Grundgesetz. In der Firma entscheiden die Eigentümer. Steht auch in den Gesetzen. Ist die Klitsche nicht zu klein, setzen die Eigentümer eine Hierarchie von Chefs ein, die festlegen, wo es lang geht. In der Schule entscheidet die Schulleitung. Die Einzelheiten finden sich in den Schulordnungen. In der Familie entschied früher der Vater, heute ist auch noch der oder die m-w-d-Copilot/In mit von der Partie. Früher wurden die familiären Entscheidungen mit Ohrfeigen und Rohrstock durchgesetzt. Heute mit ganz viel einfühlsamer Psychologie.

Wo also entscheidet die Mehrheit? Die entscheidet bei Wahlen. Wahlen gibt es, damit die Gewählten, also die politischen Entscheidungsträger, ordentlich legitimiert sind und unbehindert regieren können.

Wer das alles vorsätzlich oder fahrlässig durcheinander würfelt, zeigt die geforderte demokratische Reife.

Fritz Kurz

Über diesen Blog

Auch das Überflüssige ist lebens­notwendig: Der Autor und Theologe Johann Hinrich Claussen reist durch die Weiten von Kunst und Kultur

Johann Hinrich Claussen
Johann Hinrich Claussen ist Kulturbeauftragter der Evangelischen Kirche in Deutschland. Das heißt, er kümmert sich um das Gespräch zwischen Kirche und Kultur.

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