Johann Hinrich Claussen über schwierige Denkmäler

Bismarcks Kopf
capricorn

Steinbrener/Dempf & Huber

Es ist nicht nur bei Corona so. Auch über Denkmäler wird in Deutschland heftig diskutiert, ohne dass etwas Sinnvolles geschieht. Zeit für eine notwendige Erheiterung.

Die einen finden es gut, die anderen befürchten Übles: Über den Verbleib oder das Wegtun von Monumenten wird auch hierzulande in den üblichen Erregungswellen gestritten. Mal türmen sie sich auf, diese Wellen, dann laufen sie wieder flach aus. Passieren tut eigentlich nichts.

So auch beim größten und sicherlich hässlichsten Denkmal meiner geliebten Heimatstadt. In Hamburg steht ein Bismarck-Denkmal (zwischen Reeperbahn und Michel). Es wird gerade mit einem zweistelligen Millionenbetrag saniert. Aktivisten fordern seinen Abriss, denn Bismarck sei ein Gewaltherrscher gewesen und stehe für den Beginn deutscher Kolonialherrschaft. Ein Aktivist hat sogar den Vorschlag gemacht, das Denkmal stehen zu lassen, ihm aber den Kopf abzuschlagen. Derweil schreiten die Sanierungsarbeiten voran.

Da ich erinnere mich nur zu gern an eine Kunstaktion aus dem Sommer 2015. Damals hat im Rahmen des Hamburger Architektensommers das österreichische Künstler-Team Steinbrener/Dempf&Huber den eisernen/steinernen Kanzler zum Gegenstand einer im ursprünglichen Sinne „witzigen“, d.h. geistreichen Intervention gemacht und gezeigt, dass Kunst manchmal einen erbitterten Streit auf ein anderes Gleis setzen kann. Die Künstler haben einfach oben auf das Bismarck-Denkmal einen lebensecht aussehenden Steinbock gesetzt, und schon war all das Massige und Monumentale wie durchgestrichen.

So wird man es nicht bei all den anderen problematischen Denkmälern machen können. Dazu sind judenfeindliche Schmähskulpturen an mittelalterlichen Kirchen oder Denkmäler mörderischer Kolonialisten zu schrecklich. Hier aber passt es. Denn bei Lichte betrachtet ist dieses viel zu große und anachronistische Bismarck-Denkmal eine ziemlich komische Figur. Warum also lässt man Steinbrener/Dempf&Huber nicht häufiger ran?

P.S.: Wer sich von mir mit einer ganzen besonderen Freude anstecken lassen möchte und neugierig ist, was mein gegenwärtig liebstes Kunstwerk ist, klicke hier.

Neue Lesermeinung schreiben

Wir freuen uns über einen anregenden Meinungsaustausch. Wir begrüßen mutige Meinungen. Bitte stützen Sie sie mit Argumenten und belegen Sie sie nachvollziehbar. Vielen Dank! Damit der Austausch für alle ein Gewinn ist, haben wir Regeln:

  • keine werblichen Inhalte
  • keine Obszönitäten, Pornografie und Hasspropaganda
  • wir beleidigen oder diskriminieren niemanden
  • keine nicht nachprüfbaren Tatsachenbehauptungen
  • Links zu externen Webseiten müssen zu seriösen journalistischen Quellen führen oder im Zweifel mit einem vertretbaren Prüfaufwand für die Redaktion verbunden sein.

Die Redaktion behält sich das Recht vor, Beiträge zu bearbeiten, macht dies aber stets kenntlich. Wir zensieren nicht, wir moderieren.
Wir prüfen alle Beiträge vor Veröffentlichung. Es besteht kein Recht auf Publikation eines Kommentars.

Lesermeinungen

Lieber Herr Claussen,
Ihren „Kulturbeutel“ über Bismarcks Kopf habe ich mit Neugierde gelesen. Der temporäre Steinbock auf dem Kopf des monumentalen Bismarck war ein schöner Ulk, ein staatlich genehmigter Lausbubenstreich, der aber immerhin für einige Tage den Bismarck ins Gerede brachte. Man hat gelacht; aber das war´s dann auch. Denn kurze Zeit später wurden mehr als 10 Millionen Euro aufgebracht, um dem Denkmal wieder seinen alten Glanz zu verleihen. Kühl ignorierte Hamburgs Senat dabei die jahrelangen Bemühungen auch von Menschen, die eine Migrationsgeschichte aus ehemaligen Kolonialgebieten haben. Andere lehnen die Heroisierung Bismarcks ab, weil er u.a. verantwortlich war für Zehntausende von Toten in den sogenannten Einigungskriegen.

Es gibt inzwischen mehrere Vorschläge zu einer entheroisierenden Umgestaltung, die die Perspektive der Opfer der Bismarck’schen Politik einnimmt. In Ihrem Blog machen Sie daraus die Schlagzeile „Aktivisten fordern seinen Abriss“, einer habe sogar vorgeschlagen, Bismarck „den Kopf abzuschlagen“. Diesen Vorschlag hat m.W. bisher kein „Aktivist“ gemacht. Was es gibt, ist u.a. mein Vorschlag, im Kontext einer Dekonstruktion den Kopf des Denkmals, das Sie selbst eine „ziemlich komische Figur“ nennen, abzunehmen und in Erinnerung an den Aufbau des Denkmals 1906 neben diesem zu präsentieren. Es gibt einen Unterschied zwischen Abschlagen und Abnehmen!

Nein, Bismarck war kein Gewaltherrscher und kein mörderischer Kolonialist. Aber er hat als Reichskanzler mit Diplomatie und Schwert die Voraussetzungen für mörderischen Kolonialismus, für eine tödliche Feindschaft gegen Polen und Frankreich geschaffen. Ein witzig gemachtes Bismarck-Monument verharmlost das und ignoriert die Missachtung, die von diesem Denkmal für die Opfer der Bismarck’schen Politik ausgeht.

Über diesen Blog

Auch das Überflüssige ist lebens­notwendig: Der Autor und Theologe Johann Hinrich Claussen reist durch die Weiten von Kunst und Kultur

Johann Hinrich Claussen
Johann Hinrich Claussen ist Kulturbeauftragter der Evangelischen Kirche in Deutschland. Das heißt, er kümmert sich um das Gespräch zwischen Kirche und Kultur.

Blogs auf chrismon.de

Hier finden Sie eine Übersicht aller Blogs auf chrismon.de
Und hier können Sie alle Blogs direkt abonnieren

Blogs

Text:
Hanna Lucassen
25 Beiträge

Schwester, Schwester! Hanna Lucassen erzählt von Streiks, Spritzen und Sonntagsdiensten.

Text:
Franz Alt
156 Beiträge

„Lust auf Zukunft“ will unser Kolumnist Franz Alt vermitteln. Ob Energie, Politik, Gesellschaft, Familie oder Umwelt - überall ist der Wandel möglich und durch den Wandel eine bessere Welt für uns alle

Text:
Susanne Breit-Keßler
123 Beiträge

Essen und Trinken hält Leib und ­Seele zusammen. Und darüber Neues zu lesen, macht den Geist fit. Susanne Breit-Keßler wünscht Guten Appetit!

Text:
Johann Hinrich Claussen
195 Beiträge

Auch das Überflüssige ist lebens­notwendig: Der Autor und Theologe Johann Hinrich Claussen reist durch die Weiten von Kunst und Kultur

Text:
6 Beiträge

Dorothea Heintze lebt in einer Baugemeinschaft in Hamburg und weiß aus eigener Erfahrung, wie schwer das eigene Wohnglück zu finden ist.