Johann Hinrich Claussen über Rembrandt

Die Kunst der Dunkelheit
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jhc

Manchmal muss man die Dinge auf den Kopf stellen, um sie richtig in den Blick zu nehmen. Zum Beispiel Rembrandt, auch in seinem 350 Todesjahr wird sein Licht gerühmt. Das ist richtig, aber auch langweilig. Man sollte es umgekehrt betrachten: Das Außergewöhnliche bei Rembrandt ist sein Sinn für das Dunkle. Wie viel Raum auf seinen Werken dunkel bleibt, braun bis schwarz. Mit erstaunlicher Radikalität hat sich Rembrandt die Freiheit genommen, große Flächen im Finstern zu lassen, Hintergründe nicht auszumalen – ja, halbe Gesichter zu verschatten. Denn er wusste um den Wert der Dunkelheit.

Eine der tiefsinnigsten Rembrandt-Deutungen hat vor gut 100 Jahren der Kulturtheoretiker Georg Simmel verfasst. Seine These lautete: Rembrandts Religiosität und Modernität liege in seinem Licht. Nicht die biblischen Gestalten und Geschichten auf seinen Bildern seien das Entscheidende, sondern das Licht, das auf sie scheint, in das sie sich auflösen. In diesem Licht entfalte sich die Subjektivität eines modernen Protestantismus. Doch Simmel hat vergessen, auch Rembrandts Dunkelheiten zu beleuchten. Denn dieser verkündet keine strahlende Aufklärung, die alle Welträtsel auflöst, existentiellen Abgründe aufhebt, jede Finsternis ausleuchtet. Zu gut wusste Rembrandt, dass es Licht nur geben kann, wenn auch das Dunkle sein Recht bekommt. Seine ganz eigene Modernität und Christlichkeit zeigen sich deshalb in der unauflöslichen Spannung zwischen den Gegensätzen von hell und dunkel.

Man schaue sich nur Rembrandts Weihnachtsbilder an. Der Stall ist von Finsternis umhüllt, das Weideland liegt in undurchdringlicher Dunkelheit. Über die Krippe, die Tieren, die Eltern und Hirten geht ein Schatten. Doch das Licht scheint in die Finsternis, die Finsternis wird es nicht ergreifen, aber ohne die Finsternis könnte das Licht nicht so herrlich strahlen. Das also ist Botschaft von Rembrandts Weihnachtsbildern: Stille Nacht – heilige Nacht – dunkle Nacht.

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