Johann Hinrich Claussen über Protest und Kritik

Johann Hinrich Claussen über Protest und Kritik
Gibt es ein rechtes Maß der Empörung?
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jhc

Dies sind Tage der Wut, zu Recht. Lange aufgestaut, zurückverdrängt, nicht wahrgenommen, bricht sie sich Bahn auf den Straßen der USA und vielen Plätzen der Welt. Die Proteste gegen Rassismus und Polizeigewalt besitzen eine beeindruckende Kraft und Lebendigkeit. Aber wie stets, fragt sich auch hier: Wie bestimmt man das rechte Maß der Empörung, und wo verläuft die Grenze, die nicht überschritten werden darf? Dass dies keine akademische Frage eines unbeteiligten Zuschauers aus der Ferne ist, zeigt die überaus erschütternde und beeindruckende Rede, die Killer Mike vom großartigen Rap-Duo „Run the Jewels“ kürzlich in Atlanta gehalten hat: ein Plädoyer für eine Balance aus Protest und Gewaltlosigkeit, ein Aufruf, gemeinsam gegen Unrecht zu kämpfen, aber kein neues zu begehen. Mit größerer Wucht, Klarheit, Würde und Musikalität kann man nicht sprechen.

Nun zu etwas anderem.

In meiner kleinen Kirchenwelt stellt sich die Frage nach dem Maß des Zorns auf andere Weise. Mit einer, wie ich fand, maßlosen Empörung hat eine ehemalige Regionalpolitikerin meiner Kirche vorgeworfen, in der Corona-Krise Hunderttausende von Menschen allein gelassen zu haben. Ein ehemaliger Kirchenamtspräsident hat geschimpft, die heutige kirchliche Leitungsriege habe in dieser Krise außer Belanglosigkeiten nichts zu sagen. Ich habe mich über diese ebenso gedanken- wie maßlosen Kritiken gewundert, den beiden aber höflich geschrieben und ein Angebot zum Gespräch gemacht, jedoch keine Antwort erhalten. So viel zur Diskursfähigkeit empörter Mitmenschen… Dabei hätte ich gern mit ihnen gesprochen: über die Berechtigung und Notwendigkeit klarer und scharfer Kritik, aber auch über die Problematik einer Entwertungsrhetorik, der es nur darum geht, die eigene Unsicherheit und Frustration abzureagieren.

Und dann gab es noch auf der ersten Seite der Pfingstausgabe der „Zeit“ einen Artikel, der meinte, „die“ Kirche habe nur fromm geschwiegen und sei folglich nicht systemrelevant – ein Stück Empörungspublizistik, wie ich es eher in „Tichys Einblick“ erwartet hätte.

Den eigentlichen Tiefpunkt aber markierte ein Leserbrief, den die „Süddeutsche Zeitung“ vor kurzem abdruckte (die Redakteure sind halt in Kurz- und Heimarbeit). Verständlicherweise empörte sich der Schreiber über Trumps fatalen Bibelauftritt vor der Kirche neben dem Weißen Haus. Doch dann steigerte er sich in maßlose Vorwürfe: Da die weltweite Christenheit dagegen nicht protestiert habe, sei sie erledigt. Die engagierte, mutige Kritik von Mariann Edgar Budde, der zuständigen Bischöfin, hatte er nicht zur Kenntnis genommen, auch nicht die präzisen Kommentare in „Christianity Today“, dem lesenswerten Leitmedium der Evangelikalen, auch nicht die eindeutige Distanzierung der American Bible Society – und all die anderen Stellungnahmen aus der weltweiten Kirche ebenfalls nicht. Nur deshalb konnte er seinen Leserbrief mit diesem fatalen Satz beschließen: Die Christenheit „ist so tot wie George Floyd.“ Damit verletzte er eine wichtige Grenze und missbrauchte die Erinnerung an einen ermordeten Menschen für einen polemischen Exzess.

Aber es geht auch anders. Vor wenigen Wochen veröffentlichte der Journalist Arnd Henze einen Text, in dem er dafür eintrat, in der Corona-Krise die Seelsorge nicht zu vernachlässigen, und dabei einige Vertreter unserer Kirche deutlich kritisierte. In der Sache mit ihm einig, hatte ich mich über seinen Ton geärgert und ihm in einem Gegentext einen kleinen Rempler verpasst. Doch dann haben wir miteinander telefoniert, uns klar gemacht, dass wir dasselbe Anliegen haben, aber unterschiedliche Erfahrungen gemacht hatten. Das wurde ein richtig schönes Gespräch, das meine home office-Einsamkeit an diesem Tag ein wenig gelindert hat. So geht es also auch.

P.S.: Ein befreundeter Arzt und ich haben uns für „Christ und Welt“, der Beilage der „Zeit“, Briefe geschrieben – über Seelsorge in Corona-Zeiten.

P.P.S.: Mit den sehr erfreulichen Schweizer Kollegen von reflab.ch habe ich einen Podcast gestartet. Alle zwei Wochen führe ich jetzt ein Gespräch mit einem interessanten Menschen über ein aktuelles Thema aus der weiten Welt von Kultur und Religion. In der ersten (man merkt's) Folge geht es um den bemerkenswertesten Religionskonflikt dieser Tage, auf dem höchsten Berg der Erde: dem Mauna Kea.

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