Johann Hinrich Claussen über politische Kultur

Von Rumänien lernen
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Foto: privat

Den deutschen Zeitungen war es nur ein kurze Meldung wert: die gescheiterte Volksabstimmung in Rumänien gegen die Gleichstellung von Homo- und Heterosexuellen. Eine unheilige Allianz aus Politik und orthodoxer Kirche wollte ein verfassungsrechtliches Verbot der „Ehe für alle“ erzwingen. Es scheiterte an zu geringer Wahlbeteiligung. Interessant und lehrreich ist, wie die Evangelische Kirche in Rumänien sich dazu verhalten hat. Sie hat sich eindeutig zur Familie bekannt, aber davor gewarnt, an diesem Referendum teilzunehmen, und hat dafür sehr eindrucksvolle Worte gefunden. Es lohnt sich, sie in den Tagen danach auf sich wirken zu lassen.

„…Die Ehe wird nicht infrage gestellt und muss nicht verteidigt werden… Die Parlamentsmehrheit und Regierung lenkt das Augenmerk auf ein Scheinthema. Ziel ist von ihrer Korruption, Rechtsbeugung, Vetternwirtschaft, Demokratie- und EU-Feindlichkeit abzulenken. Sie missbraucht die Gläubigkeit der rumänischen Bevölkerung, um sich als Heil- und Wohlstandsretter des Landes anzupreisen. Sie polarisiert und politisiert eine christliche Initiative, um ihre politischen Gegner zu diskreditieren. Sie nimmt eine Spaltung der religiösen christlichen Bevölkerung in Kauf. Populistische, nationalistische, diktatorische  Parolen werden propagiert, die einer Kirche nicht würdig sind. Dafür ist unsere Kirche jedenfalls zu schade. Der Bekennermut ist nicht auf der Seite derer zu finden, die mit der großen Mehrheit mitheulen und sich manipulieren lassen. Der Bekennermut ist da zu finden, wo gesagt wird, „so nicht!“ … Unsere Kirche sehen wir nach Möglichkeiten suchen, die Ehen und Familien seelsorgerlich zu begleiten. Im Einsatz gegen das Auseinandergehen, Auswandern  und sich vom Glauben entfernen von Ehen und Familien. Im Fördern von Bildung und Aufklärung, Beschäftigung und Sinnhaftigkeit mit Glauben und Initiative, Phantasie und Kreativität zu unterstützen… Dem Aufruf des Apostel Paulus aus 1.Thess.5,21: „Prüft aber alles und das Gute behaltet,“ folgend halten wir fest, dass die EKR die Ehe und Familie schützt, wertschätzt und fördert. Ein Referendum, das von einer diktatorischen und zerstörerisch wirkenden Macht betrieben wird und die elementarsten demokratischen, menschenwürdigenden Werte missachtet, kann sie nicht fördern.  In evangelischer Freiheit … ist jede/r nach bestem Wissen und Gewissen frei, an dem Referendum teilzunehmen oder nicht.“

P.S.: Das Bild oben zeigt den Turm der evangelisch-lutherischen Stadtpfarrkirche in Hermannstadt/Sibiu.

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Johann Hinrich Claussen
Johann Hinrich Claussen ist Kulturbeauftragter der Evangelischen Kirche in Deutschland. Das heißt, er kümmert sich um das Gespräch zwischen Kirche und Kultur.

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