Johann Hinrich Claussen über Podcasts

Johann Hinrich Claussen über Podcasts
Brautalarm
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jhc

Es ist nicht lange her, da redete eine Freundin meines Bruders, die in einer avancierteren Branche tätig ist als ich, intensiv auf mich ein. Ich müsse jetzt endlich mal berühmt und also ein Youtuber werden. Ich konnte ihr deutlich machen, dass dies keine so tolle Idee wäre, sondern eher peinlich würde. „Gut“, fuhr sie fort, „dann eben Podcasts!“ Das fand ich interessanter und begann, dieses digitale Feld zu erkunden. Ich klickte mich in einen Streaming-Dienst und stieß bei den vorgeschlagenen Stücken gleich auf den „Brautpodcast“. Das könnte etwas für mich sein, dachte ich und kam aus dem Staunen nicht mehr hinaus.

In diesem „Brautpodcast“ wendet sich eine „Hochzeitsexpertin und Brautcoach“ – ich wusste gar nicht, dass es diese Berufe gibt – an junge Frauen, die bald heiraten und nicht mehr ein noch aus wissen. Um sie vor dem völligen Durchdrehen zu bewahren und zu einer „echt-authentischen, epischen Hochzeit“ zu führen, bietet die Brautchoach ihnen weniger praktische Tipps als „Glaubenssätze“ an. Mit sanfter Stimme erklärt sie ihnen Mantra-artig, dass sie wunderschön, einzigartig und endlos geliebt seien – und dass sie nur an sich selbst glauben und ganz fest sich selbst vertrauen müssten. Auf nun schon über 70 Beiträgen betreibt die Brautmentorin eine Seelsorge und verkündet einen Glauben, nur eben ohne Transzendenz, ohne Gott, einen Glauben ausschließlich an sich selbst. Darin ist sie nicht untypisch für unsere Zeit: Alte Glaubensgewissheiten schwinden, an ihre Stelle tritt die Konzentration auf das eigene Ich.

Doch je länger ich der Brautflüsterin zuhörte, umso unwohler wurde mir, umso mehr hörte ich eine Härte heraus: „Du musst an dich glauben! – Dann wird alles gut! – Wie soll es gut wenden, wenn du nicht an dich selbst glaubst?? – Glaub an dich!!!“ Im Vergleich dazu hat der alte Glaube an einen ganz Anderen doch etwas Entlastendes, Entspanntes. Wie schön ist es, wenn es beim Glauben nicht auf mein Ego ankommt, sondern darauf, dessen Grenzen zu überschreiten.

Aber noch etwas Zweites fehlte. Tatsächlich fällt im Brautpodcast nicht nur das Wort „Gott“ nicht, sondern auch das Wort „Bräutigam“ kommt nicht vor. Es geht immerzu nur um die Braut, ihre Sorgen, Fragen, Sehnsüchte, ihren Glauben an sich selbst, ihre Liebe zu sich selbst. Oder wie der Titel von Folge 25 erklärt: „So wirst du dein Selbstbild wirklich genießen“. Darum also soll es bei einer Hochzeit gehen, dass die Braut ihr Selbstbild genießt? Dabei hatte ich immer gedacht, dass sich eine Trauung um zwei Menschen dreht. Darum, dass zwei einander lieben und dies mit dem Gedanken verbinden, etwas Drittes zu beginnen, nämlich eine Familie zu gründen. Darum, dass aus einem Ich ein Wir wird. Nicht um einen narzisstischen Exzess, sondern um den Beginn einer Ehe.

Ohne nun den Gender-Streber geben zu wollen, weise ich zum Schluss darauf hin, dass es erstens bestimmt auch richtig bescheuerte Podcasts nur für den Herren von heute gibt und dass zweitens in Corona-Zeiten Bräute und Bräutigäme tatsächlich unser mitfühlendes Verständnis verdient haben.

P.S.: Wer sich etwas richtig Gutes anhören möchte, dem empfehle ich diese 20minütige Sendung über Beethoven und die Religion.

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Lesermeinungen

Vielen Dank für die Empfehlung des Pocasts.
Die Beschreibung all der traurigen Umtände, unter denen der Komponist lebte und arbeitete, haben meine Sicht der Dinge verändert und mich milder gestimmt. Ich hatte ihn für einen kleinlichen Geizhals gehalten, der seine Dienstmädchen so lange schikanierte, bis sie ihm davonliefen. Auch "Die Wut über den verlorenen Groschen" rückt nun in ein anderes Licht.

Gunhild Simon

...ist dieser Kommentar. Aber warum kann dieser Unsinn eine so große Pseudobedeutung gewinnen? Weil jeder Unsinn geglaubt wird. Hauptsache er tut den Emotionen gut, bemäntelt die Dummheit und gibt eine Hoffnung, auch wenn die vollkommen unrealistisch ist. Entlarvend dieses Zitat: ...tatsächlich fällt im Brautpodcast nicht nur das Wort „Gott“ nicht, sondern auch das Wort „Bräutigam“ kommt nicht vor. Es geht immerzu nur um die Braut, ihre Sorgen, Fragen, Sehnsüchte, ihren Glauben an sich selbst, ihre Liebe zu sich selbst"
ES GEHT UND UM IHR GELD, es geht um den typischen menschlichen Narzismus, um den wohltuenden Glauben an die Bedeutung der eigenen Persönlichkeit. Geradezu perfide die Masche, den Bräuten erst eine angebliche totale Unsicherheit zu suggerieren, um diese dann gegen Geld mit schönen Sprüchen heilen zu können. Wo sind die Femministinnen, die gegen solch einen Unsinn Sturm laufen? Warum richtet sich die normale Werbung (Mode, Kosmetik, Gesundheit) eigentlich in erster Linie an die holde Weiblichkeit? Weil man bei ihnen mit den schönsten Emotionen den besten Erfolg hat. Zwar ändert sich langsam das Blatt und junge Frauen werden nicht mehr so leicht das Opfer von "Fremd-Emotionen", aber immer noch gilt, dass wesentlich mehr junge Frauen als Männer z. B. hysterisch den Pop-Idolen folgen. Die gesamte „Yello-Press“, alle Frauenzeitschriften leben von der Lüge und von waghalsigen Versprechungen. Eine „Brautpodcast“ ist das beste Beispiel. Die gesamte, in erster Linie weibliche, Esotherik lebt von diesen Lügen. Die „Männerwelt“ hat zwar auch ihre werblichen Schwächen und einige „große Garagen“. Aber warum haben nahezu alle Frauen wesentlich größere Kleider- und Kosmetikschränke?

Alle Hochstapler leben davon. Eine "hässliche" Wahrheit will man nicht hören, aber die schönste Lüge ist immer hoch willkommen. Auch wenn die Schulden auf Lügen basieren, so waren es doch schöne Illusionen. Zwar alles menschlich, aber von Zeit zu Zeit sollte es gesagt werden.

Über diesen Blog

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Johann Hinrich Claussen
Johann Hinrich Claussen ist Kulturbeauftragter der Evangelischen Kirche in Deutschland. Das heißt, er kümmert sich um das Gespräch zwischen Kirche und Kultur.

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