Johann Hinrich Claussen über „offene Briefe“

Johann Hinrich Claussen über „offene Briefe“
Petitionitis
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privat

Es gibt eine neue öffentliche Gesundheitsgefahr. Sie heißt „Petitionitis“. Darunter verstehe ich den nicht zu unterdrückenden Drang, zu einem beliebigen Thema ein flammendes Plädoyer dafür oder dagegen zu verfassen und dann massenhaft Unterschriften von mehr oder weniger bekannten Mitmenschen einzusammeln. Im Fieberwahn werden anschließend die erreichten Pegelstände in die Öffentlichkeit gerufen: Schon über 10.000 Unterschriften! Man könnte hier von kommunikativer Rudelbildung sprechen – man kennt so etwas in ähnlicher Form vom Fußballplatz. Die blanke Masse erregter Menschen soll eine Entscheidung durchsetzen oder verhindern. Mich wundert allerdings, dass besonders Intellektuelle und Künstler von dem „Petitionitis“-Virus befallen werden. Eigentlich müsste ihnen doch daran gelegen sein, mit eigenen, individuell verfassten Texten und ihrer unverwechselbaren Stimme wahrgenommen werden. Sehnen sie nach der wärmenden Enge eines Kollektivs? Oder empfinden sie es als entlastend, wenn einmal jemand anders etwas für sie zu Papier bringt und sie bloß zu unterschreiben brauchen?

Ähnlich ist es mit den immer beliebter werdenden, sogenannten „Offenen Briefen“: Jemand hat etwas geäußert, was andere zu Recht oder Unrecht erzürnt. Doch anstatt ihn direkt anzusprechen, mit ihm zu diskutieren, verfasst ein Team eine Beschämungsepistel, gern verbunden mit der Forderung nach Rücktritt oder Entlassung, und geht auf Unterschriftensammlung. Der Angegriffene wird dann gegenaggressiv reagieren. Oder er wird – wenn er fähige Medienberater hat und ihnen auch gehorcht - sich entschuldigen und verstummen. Eine Verständigung ist so eher nicht möglich. Aber darum geht es hier ja gar nicht, sondern eher um Klassenkeile, wie man sie aus der Grundschule kannte.

In den asozialen Netzwerken soll die „Petitionitis“ besonders heftig grassieren, aber da halte ich mich fern. Mir reicht schon, was es auf Papier gibt: diese meist schlechten, weil hektisch und von einem Kollektiv verfassten Texte, die kaum verhohlene kommunikative Aggressivität, die Unlust zum Zuhören und Nachdenken, der Zwang, andere und sich selbst in irgendwelche Schubladen zu pressen, diese Listen mit den üblichen Verdächtigen. Manchmal frage ich mich, ob es dafür eigentlich schon spezielle Agenturen gibt, die über die entsprechenden Vorlagen, Datensätze und Verteiler verfügen.

Wehmütig denke ich da an Martin Luther zurück. Zwar hat er nicht eben immer vornehm mit seinen Gegnern gestritten, aber er hat es stets unter eigenem Namen getan, seine Thesen selbst angeschlagen, eigenständig veröffentlicht oder mit den Worten eingeleitet: „Hier stehe ich!“. Mehr von diesem reformatorischen Individualismus wünschte ich all den Meinungshändlern unserer Tage, die jetzt noch von heftiger Petitionitis geschüttelt werden.

Und da die Petitionitis auch in meiner Kirche um sich greift, wünschte ich mir auf bei uns selbst mehr reformatorischen Eigensinn.

P.S.: Vor kurzem habe ich mit befreundeten Kollegen eine Debatte über Kunst- und Meinungsfreiheit organisiert, die in eine bessere Richtung weist. Man kann sie beim Deutschlandfunk nachhören. Einfach hier klicken.

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Auch das Überflüssige ist lebens­notwendig: Der Autor und Theologe Johann Hinrich Claussen reist durch die Weiten von Kunst und Kultur

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Johann Hinrich Claussen ist Kulturbeauftragter der Evangelischen Kirche in Deutschland. Das heißt, er kümmert sich um das Gespräch zwischen Kirche und Kultur.

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Zwei Redaktionen, ein Blog: Dominique Bielmeier arbeitet bei der Sächsischen Zeitung in Dresden. Anne Buhrfeind und Dorothea Heintze bei chrismon in Frankfurt. Nun bloggen sie: Über ihren Redaktions-Austausch, ihr Leben als Ossi im Westen, ihr Leben als Wessi im Osten. Und ihren Alltag, hier wie dort.