Johann Hinrich Claussen über Marina Abramović

Johann Hinrich Claussen über Marina Abramović
Wie sogar ich einmal zum Künstler wurde
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Foto: privat

Die große Retrospektive der Performance-Künstlerin Marina Abramović, die gerade in der Bundeskunsthalle Bonn zu sehen ist, hat mir klar gemacht: Für manche Kunstwerke bin ich zu soft. Die Filmaufnahmen und Fotographien ihrer extrem körperlichen Vorführungen zeigen Selbst-Entblößungen, Selbst-Verletzungen mit Messern, Rasierklingen oder Peitschen, Schläge und Schreie. Die Selbstinszenierung der Künstlerin als größte Schmerzensmutter aller Zeiten hat mich natürlich beeindruckt, aber auch abgestoßen und am Ende abgestumpft. Doch freundlicherweise gab Marina Abramović mir am Ende des Rundgangs die Chance, mich von all ihren hochästhetischen Quälereien zu entspannen und selbst zum Künstler zu werden.

Da stand ein langer Holztisch. In seiner Mitte war er durchzogen von einer langen Linie aus weißem Reis und schwarzen Linsen. Der Besucher war eingeladen, sich – nachdem er Uhr und Handy abgelegt hatte – zu setzen, eine Handvoll Hülsenfrüchte zu nehmen und sie vor sich auf ein Blatt Papier zu legen. Dann sollte er die weißen von den schwarzen Körnern trennen und beides zählen. So habe ich es gemacht (allerdings habe ich nur die Linsen gezählt) und sehr genossen: eine stille Arbeit ohne Schmerz und Geschrei, Fleisch und Blut – ebenso Meditation wie Kunst. Eigentlich bin ich ja ganz unbegabt, aber hier ist der berühmteste Ausspruch von Josef Beuys endlich auch an mir wahr geworden.

Und wenn Sie einmal Ruhe, Abstand und ein leises, spirituelles Kunstglück gebrauchen können, machen Sie es einfach nach. Vergessen Sie aber nicht, vorher Uhr und Handy weit weg zu tun.

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Auch das Überflüssige ist lebens­notwendig: Der Autor und Theologe Johann Hinrich Claussen reist durch die Weiten von Kunst und Kultur

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