Johann Hinrich Claussen über Lothar Boehme

Johann Hinrich Claussen über Lothar Boehme
Der alte Mann und das Bild
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Foto: privat

In der Paul-Gerhardt-Kirche auf dem Prenzlauer Berg hängt ein Altarbild, das für manche anstößig wirkt, weil es ihnen zu süßlich ist: Es zeigt einen weichgezeichneten Auferstandenen. Mit ihm kann man schlecht durch die Passionszeit gehen. Deshalb bittet die Gemeinde seit acht Jahren Künstler darum, es für diese Zeit zu verhüllen.

In diesem Jahr hat sie Lothar Boehme eingeladen. In Berlin, vor allem im östlichen Teil, ist er kein Unbekannter. Das besondere Schicksal dieser Stadt hat auch sein Leben bestimmt. Der Mauerbau durchkreuzte viele seiner Pläne. Doch ließ er sich nicht davon abhalten, seiner künstlerischen Bestimmung in großer, innerer Freiheit zu folgen. Seit fast vierzig Jahren bearbeitet er sein ästhetisches Lebensthema: den Akt einer Frau. Mit „rabiater Ideenarmut“, wie er selbst sagt, malt er wieder und wieder diese Gestalt, formt sie durch und durch, um durch malerische „Verknappung“ das Wesentliche sichtbar machen.

Was ist das Wesentliche? Für jeden Betrachter etwas Ähnliches und doch Anderes, wie sich schon am Abend der Eröffnung gezeigt hat. Dunkel ist diese Gestalt, schwarz und streng, aber auch farbig durchglüht, mit einer Wärme, die aus der Tiefe des Bildes kommt. Sie ist unverkennbar die Kreation eines zeitgenössischen Künstlers und verweist doch weit zurück auf uralte Bilder. Für mich ist das Wesentliche an ihr dies: der Körper und damit wir selbst, in unserer leiblich-geistigen Existenz, unserer Lebendigkeit und Vergänglichkeit. Andere sahen auch anderes: Erotische Stärke – Offenheit – Wehrlosigkeit – Schmerz – einen Menschen, der die Welt trägt – einen Lebensbaum – einer erkannte im Kopf sogar das Gesicht seiner sterbenden Mutter wieder. Vielleicht ist das ja das Wesentliche an dieser Gestalt: Wir selbst sind es, die jetzt und in den kommenden Wochen an diesem Altar hängen und die das Christusbild verhüllen, um es in Wirklichkeit zu enthüllen.

Und was meint der Künstler selbst dazu, der sich nicht als religiös in einem landläufigen Sinne empfindet? Was denkt er über sein erstes Werk für eine Kirche? Im Grunde, sagte er, hänge jetzt seine ganze Mal-Biographie an diesem Altar.

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Johann Hinrich Claussen ist Kulturbeauftragter der Evangelischen Kirche in Deutschland. Das heißt, er kümmert sich um das Gespräch zwischen Kirche und Kultur.

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