Johann Hinrich Claussen über Leonard Cohen

Johann Hinrich Claussen über Leonard Cohen
Einer, der fehlt
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Foto: privat

Der Herz geht einem auf, wenn man durch die Leonard Cohen-Ausstellung im Jewish Museum von New York wandelt. Allerdings sollte man als einer der ersten am Eingang stehen. Dann aber kann man schönen, klugen und anrührenden Verlebendigungen dieses einzigartigen Künstlers begegnen. Mehr als vierzig Video- und Installationskünstler wurden gebeten, bewegte und klangvolle Cohen-Denkmäler zu schaffen. Es war eine vielfältige Freude, seiner Stimme, seinem Gesicht, seiner Musik in den unterschiedlichsten Präsentationen zu begegnen. Eine Installation hat mich besonders beglückt: Da stand ein altertümliches Harmonium mit vielen Lautsprechern, und wenn man eine Taste drückte, erklang die Stimme des Meisters, ein eigenes Gedicht rezitierend. Also setzte ich mich hin und spielte auf dieser Klaviatur, so dass eine kleine Cohen-Sonate entstand. Den alten Beuys-Satz, wonach jeder ein Künstler sei, hatte ich nie geglaubt. Jetzt erschien er mir plötzlich als wahr, und ich erlebte mich endlich selbst als Künstler.

Doch einmal erschrak ich auch. Eine Künstlerin hatte einfach ein Exemplar der „New York Times“ in eine Vitrine gelegt. Auf der unteren Hälfte der Titelseite stand ein  anrührender Nachruf auf Cohen. Darüber war das Foto abgedruckt, das Donald Trump und Barack Obama im Weißen Haus zeigte. Denn Leonard Cohen war am 7. November 2016, also genau einen Tag vor Trumps Wahlsieg, gestorben – eine Koinzidenz, die ich vergessen hatte und die mich jetzt erstarren ließ.

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Auch das Überflüssige ist lebens­notwendig: Der Autor und Theologe Johann Hinrich Claussen reist durch die Weiten von Kunst und Kultur

Johann Hinrich Claussen
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