Johann Hinrich Claussen über Kunst-Gottesdienste

Johann Hinrich Claussen über Kunst-Gottesdienste
Ob Kunst und Kirche einander in der Krise helfen können?
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philipp von matt

Den Kirchen geht es wie den Museen: Sie haben ihre Tore wieder geöffnet, aber zu wenige gehen hinein. Vielen Menschen ist noch nicht danach, sie haben gerade andere Sorgen, scheuen das Risiko oder ihnen fehlt etwas Wesentliches – in Gottesdiensten zum Beispiel das gemeinsame Singen (das leider, aber sinnvollerweise bis auf weiteres unterbleiben muss). Deshalb weht durch viele Kirchen und Museen eine eigentümlich verzagte und traurige Stimmung. Zumindest ist kein Jubel der Erleichterung zu hören.

Es ist davon auszugehen, dass es in den Theatern, Kinos, Opern- und Konzerthäusern nicht viel anders sein wird, wenn sie irgendwann wieder öffnen dürfen. Aber dieses Irgendwann verschiebt sich immer weiter nach vorn. Ich hörte von einem Musical-Veranstalter, dass er damit rechnet, erst im Frühsommer des nächsten Jahres den Betrieb wiederaufnehmen zu dürfen. Bis dahin haben viele Schauspieler, Musikerinnen, Tänzer, Sprecherinnen keine Möglichkeiten, ihre Kunst zu zeigen und dabei etwas zu verdienen.

Doch am vergangenen Sonntag habe ich eine ermutigende Erfahrung gemacht. Ich durfte in St. Matthäus, der Berliner Kunstkirche, einen Gottesdienst feiern, der so gar nicht Beengtes, Bedrücktes oder Beängstigendes an sich hatte. Das lag vor allem an den Kunstwerken – Gemälden, Farbfenstern, Lichtprojektionen und Skulpturen von Leiko Ikemura –, die hier bis September zu sehen sind. „In Praise of Light“ heißt ihre Schau, die viel mehr ist als eine bloße Ausstellung: Kunst und Kirche verschmelzen zu einem Raum, einem Ander-Ort, an dem das Schöne wohnt, das Erschrecken aber auch seinen Platz findet. Die Gemeinde saß mitten darin. (Dass so auch die Sicherheitsabstände gewahrt werden konnten, war ein praktischer Nutzen, an den aber bald keiner mehr dachte.)

Dann hielt die Bratschistin Tabea Zimmermann eine Kanzel-Rede über „Selig sind, die da Leid tragen, denn sie sollen getröstet werden“. Sie sprach über den Trost, den besonders die Musik schenken kann, und führte dies auch vor. Spielend spendete sie Trost.

Ob daraus nicht etwas zu lernen wäre? Natürlich kann jetzt nicht jede Gemeinde großartige Ausstellungen kuratieren oder berühmte Musikerinnen einladen. Aber wenn bis auf weiteres Gottesdienste die einzig erlaubten öffentlichen Veranstaltungen sind, warum öffnen dann nicht mehr Kirchengemeinde ihre Türen für Künstlerinnen und Künstler? Auch ohne größeren Aufwand könnten diese in Gottesdiensten spielen, sprechen, tanzen, dem Fehlen des Gemeindegesangs etwas anderes entgegensetzen. Fast jede Kirchengemeinde hat doch in ihrer Nachbarschaft Menschen, die eine Kunst ausüben und zeigen möchten. Man müsste nur aufeinander zugehen und eine gemeinsame Idee entwickeln, was schön, sinnvoll, angemessen, erfreulich wäre (und wie eine Entlohnung aussehen könnte, die für die Künstler fair wäre, ohne die Gemeinden zu überfordern). Dann könnten Religions- und Kunstfreiheit einander aufhelfen. Würde es sich nicht lohnen, diese Idee weiterzuspinnen?

P.S.: Heute, am Freitag, wird auf das Berliner Schloss, in dem das Humboldt Forum entstehen soll, ein Kreuz auf die Kuppel gesetzt. Darüber wird noch einmal hitzig in Berlin diskutiert. Wen mein Kommentar dazu interessiert, dann dieses 7minütige Interview hören.

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