Johann Hinrich Claussen über Kinos

Wann machen sie wieder auf? Und wer geht dann hinein?

jhc

Vor kurzem bin ich an meinem Lieblingskino vorbeigefahren. Die Schotten dicht – ein trauriger Anblick. Was habe ich hier nicht alles gesehen und erlebt! Wann können wir wieder hinein? Doch wie soll das gehen: Einfach wieder aufmachen, und dann kommen die Menschen in Scharen? Ich bin skeptisch. Aus zwei Gründen. Die Hoffnung gebe ich trotzdem nicht auf.

Der erste Grund, weshalb ich nicht daran glaube, dass Kinos (und andere Kultureinrichtungen) sich nach dem Ende der Corona-Einschränkungen sofort wieder füllen, heißt: negative Gewöhnung. In einer depressiven Situation – und in einer solchen befinden wir uns ja – gewöhnt man sich Gutes ab. Man verlernt kulturelle und soziale Fähigkeiten. Man erlebt das Hinaus- und Wohingehen als anstrengend und unterlässt es, obwohl man es problemlos tun könnte.

Der zweite Grund heißt natürlich: technische Revolution. Sie wird – jeder sieht das bei sich selbst – durch das Leben in der Pandemie rasant beschleunigt. Die großen Filmstudios bauen mit enormem Druck eigene Streaming-Dienste auf. Ob sie danach noch Interesse an den Kinos haben?

Gegen technische Revolutionen helfen keine Klagen und Proteste. Vor kurzem las ich den Aufruf, den die Internationale Artisten-Loge und der deutsche Musiker-Verbund 1929 gegen den Tonfilms veröffentlicht haben:

„Gegen den Tonfilm! Für lebende Künstler! An das Publikum! Achtung! Gefahren des Tonfilms! Viele Kinos müssen wegen Einführung des Tonfilms und Mangel an vielseitigen Programmen schließen! Tonfilm ist Kitsch! Wer Kunst und Künstler liebt, lehnt den Tonfilm ab! Tonfilm ist Einseitigkeit! 100% Tonfilm = 100% Verflachung! Tonfilm ist wirtschaftlicher und geistiger Mord! Seine Konservenbüchsen-Apparatur klingt kellerhaft, quietscht, verdirbt das Gehör und ruiniert die Existenzen der Musiker und Artisten! Lehnt den Tonfilm ab!“

Als ich diesen Fund zu Hause ausgewählten Vertretern der jungen Generation vorlas, war die Heiterkeit groß. Aber witzig war dies damals keineswegs. Ungeachtet dieser zwölf Ausrufezeichen setzte sich der Ton- gegen den Stummfilm durch – ungezählte Musiker und Artisten verloren dadurch ihr Einkommen.

Doch Hoffnung habe ich auch. Sie speist sich aus meiner Sehnsucht, endlich wieder hinauszugehen, mit Freunden mein Lieblingskino zu besuchen, auf einer großen Leinwand einen überwältigenden Film zu erleben, ohne dabei durch Geklapper in der Küche oder Anrufe abgelenkt zu werden. Ach, ich bin des Streamens müde.

P.S.: Wer sich dafür interessiert, wie im Internet eine bessere Kommunikation möglich ist, dem empfehle ich die "Elf Gebote", die ich gemeinsam mit geschätzten Mitmenschen aufgestellt habe. Besonders empfehle ich die Reaktion der Poetry Slammerin Jule Weber darauf.

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Über diesen Blog

Auch das Überflüssige ist lebens­notwendig: Der Autor und Theologe Johann Hinrich Claussen reist durch die Weiten von Kunst und Kultur

Johann Hinrich Claussen
Johann Hinrich Claussen ist Kulturbeauftragter der Evangelischen Kirche in Deutschland. Das heißt, er kümmert sich um das Gespräch zwischen Kirche und Kultur.

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