Johann Hinrich Claussen über Homophobie

Feindbild „Genderwahn“ – ein deutscher Exportartikel

park

Deutschland nennt sich gern „Exportweltmeister“. Da gibt es leider auch Schattenseiten, zum Beispiel Waffenexporte. Auf eine ideologische Variante hat mich ein koreanischer Student aufmerksam gemacht.

Wenn man ein Seminar gibt, lernt man, wenn es gut läuft, als Dozent selbst am meisten. So ging es mir im vergangenen Semester bei einem Seminar über evangelische Theologie und Neue Rechte an der Humboldt University. In den Seminararbeiten, die bei mir eintrafen, entdeckte ich viel Neues. Sehr interessant war ein Essay, dass der Koreaner Jonghyun Park in vorzüglichem Deutsch geschrieben hat. Darin weist er auf einen theologisch-politischen deutschen Exportschlager hin, von dem ich bisher nichts geahnt hatte: Homophobie und Anti-Genderismus.

Das deutsche Korea-Bild ist unvollständig. Viele verbinden mit diesem Land hochmoderne Handys, K-Pop oder innovative Filme wie „Parasite“. Zugleich aber ist Süd-Korea eine sehr konservative Gesellschaft. Das wird auch damit zu tun haben, dass sie im Vergleich zu Deutschland sehr homogen ist. Minderheiten haben es da schwer, zum Beispiel die LGBT-Community. Wirksame Antidiskriminierungsgesetze gibt es nicht. Dafür werden nicht zuletzt von Kirchen Ressentiments verbreitet.

Für traditionale, konservative Gesellschaften mag die Ablehnung von Homosexualität normal sein. Sie wird nicht als Menschenmöglichkeit verstanden und anerkannt, soll nicht sein, zumindest nicht sichtbar sein. Von konservativen Kirchen wird dies, wie bisher in Südkorea, vor allem durch den Hinweis ideologisch unterfüttert, dass einige biblische Passagen Homosexualität als Sünde bezeichnen. Bei Lichte betrachtet aber, das wird man auch als konservativer Theologe zugeben, ist Homosexualität für die Bibel kein Thema. So kann es auch in stabilen traditionalen Gesellschaften sein: Man ist dagegen, befasst sich aber nicht weiter damit.

Doch in Südkorea kann man beobachten, wie sich dies radikal verändert, wenn die Gesellschaft es mit Veränderung und Verunsicherung zu tun bekommt. Dann kann das Konservative ins Kulturkämpferisch-Rechte kippen. Das hat Folgen für Homosexuelle: Waren sie bisher eine Minderheit im Verborgenen, werden sie nun zu einem öffentlich bekämpften Feind. Einen wesentlichen Beitrag dazu haben in Südkorea, so Jonghyun Park, ausgerechnet zwei Deutsche geleistet, die man hierzulande kaum wahrnimmt.

Der eine war Peter Beyerhaus (1929 bis 2020), Professor für Missionswissenschaften in Tübingen, Leitfigur einer antiliberalen Mission und einer „Ökumene von rechts“. In Deutschland kannte man ihn nur in – allerdings rührigen – scharfkonservativen Randmilieus. In Südkorea jedoch wurde und wird er als theologisches Vorbild verehrt. Häufig hat er dieses Land besucht, seine Bücher wurden übersetzt und fanden viele Leser. Die Bildunterschrift unter dem Screenshot oben spricht Bände: „’Der Gender-Ideologie widerstehen‘ – Vortrag des bedeutendsten ausländischen Gelehrten“. In Südkorea genießen deutsche Wissenschaftler immer noch ein hohes Renommee, so als ob eine Aura sie umgäbe. Beyerhaus, obwohl in der deutschen Theologie isoliert und darüber hinaus völlig unbekannt, nutzte dies, um seinen Kampf gegen die „Gender-Ideologie“ nach Südkorea zu tragen. Ein von ihm mitinitiierter Aufruf wurde auf koreanischen Plattform massiv beworben und weit geteilt. Inzwischen gibt es sogar eine koreanische Beyerhaus-Akademie, einen reaktionären think tank.

Die andere ist Gabriele Kuby (* 1944), eine katholische Publizistin und Aktivistin, die sich ebenfalls dem Kampf gegen die „Homosexuellen-Lobby“ und die „Gender-Ideologie“ verschrieben hat. Auch sie kennt man in Deutschland nur in hartrechten Randmilieus, auch sie wird in Südkorea, das sie mehrfach besucht hat, als wissenschaftlich ausgewiesene und hochanerkannte Autorin und Rednerin breit rezipiert. Wie Beyerhaus trägt sie dazu bei, so Park, dass sich in Südkorea aus einer konventionellen Ablehnung von Homosexualität ein Kulturkampf zu entwickeln droht.

Man könnte es komisch finden, wie randständige Figuren aus Deutschland in fernen Ländern gefeiert werden. Man könnte darüber schmunzeln, wie in Südkorea, wo es nicht eben ein Übermaß an Gender-Lehrstühlen, Christopher-Street-Paraden oder Gender-Sternen gibt, der Kampf gegen die „Gender-Ideologie“ zur Überlebensfrage ausgerufen wird. Aber lustig ist dies natürlich keineswegs. Denn Feindbilder sind immer hochgefährlich. In diesem Fall ist offensichtlich, dass „Gender-Ideologie“ den Kommunismus als einigendes und motivierendes Feindbild ersetzen soll – mit dem Unterschied, dass es in Südkorea reale Bedrohungserfahrungen mit dem Kommunismus gibt, während der „Gender-Wahn“ ein ausgedachter Feind ist. Aber imaginäre Feinde sind mindestens so wirksam wie reale. So wird nun, so Parks Beobachtung, ein Klima geschaffen, in dem Hass-Rede und Verschwörungsmythen blühen und Menschen Schaden nehmen können. Gerade erst hat der Suizid einer Transgenderperson, die nach der Geschlechtsangleichung aus der Armee entlassen wurde, viele Koreaner schockiert.

Für uns in Deutschland ist die Wahrnehmung solcher Ideologie-Exporte wichtig, weil sie die allzu selbstgewissen Zuordnungen von „renommiert“ und „abseitig“, „wissenschaftlich“ und „abergläubisch“, „fortschrittlich“ und „abständig“, „Mitte“ und „Rand“, „Mainstream“ und „Sekte“, „modern“ und „vormodern“ durcheinanderwirbelt – eine notwendige Irritation.

P.S.: Wer Abstand sucht zu den allgegenwärtigen Erregungen, dem empfehle ich die dritte Staffel der hinreißenden Netflix-Serie „Shtisel“, Geschichten von großer Menschlichkeit. Ich habe sie gerade, leider, zu Ende gesehen. Jetzt folgt für mich ein bisschen Netflix-Fasten – kann auch nicht schaden.

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