Johann Hinrich Claussen über Gottesdienste

Johann Hinrich Claussen über Gottesdienste
Eine andere Wahrheit erfahren
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jhc

Wie so viele nutze ich die erzwungene Häuslichkeit, um aufzuräumen. Dabei fiel mir ein Interview in die Hände, dass der Schauspieler Fabian Hinrichs vor zwei Jahren der „Süddeutschen Zeitung“ gegeben hat. Jetzt las ich es mit neuer Aufmerksamkeit. Bald sollen ja wieder Gottesdienste erlaubt sein. Das ist gut. Doch nach der unfreiwillig-rituellen Fastenzeit stellt sich die Frage, was für Gottesdienste wir eigentlich brauchen. Der Neubeginn sollte nicht zurück in einen alten Trott führen, sondern dazu, dass wir über das nachdenken, was einen Gottesdienst ausmacht.

Dazu hat Hinrichs ganz unfreiwillig vor zwei Jahren höchst Anregendes mitgeteilt. Dabei ging es in seinem Interview gar nicht um die Kirche, sondern um das Theater. Hinrichs hatte als Juror viele neue Inszenierungen angesehen, ansehen müssen. Was er darüber an Kritischem, aber auch an Konstruktivem zu sagen hatte, lässt sich probeweise auf den Gottesdienst übertragen. Ich habe mir also die Freiheit genommen, einige seiner Aussagen herauszugreifen und sie ins Liturgische zu übersetzen:

„Vor lauter Betriebsamkeit sehe ich keine Gegenwelten. Aber genau das wären der Reiz und die eigentliche Kraft des Gottesdienstes. Einer meiner Lieblingssätze ist von Tolstoi: ‚Nur Gefängniswärter haben etwas gegen Eskapismus‘, Gefängniswärter und Ideologen. Aber ich meine mit den Gegenwelten nicht nur Eskapismus. Ein Gottesdienst kann sehr genau auf Situationen der Gegenwartsgesellschaft reagieren. Aber er ist auch eine andere Realität, mit anderen Gesetzmäßigkeiten als die durchrationalisierte Alltagswirklichkeit, in der man vor allem funktionieren muss.“

„Ein Gottesdienst muss mir nicht die Staatsverschuldung oder das Problem eines Endlagers für Atommüll erklären. Er muss nicht die Präsidentschaft Trumps kommentieren. Das Problem an solchen flachen Wahrheiten ist, dass das nur Angebote sind, sofort einverstanden zu sein. Solche Gottesdienste machen keine Widersprüche auf, sie liefern nur Selbstgewissheiten. Alle vermuten sich auf der richtigen Seite und bebildern einen Schulaufsatz. Eine Frage, die ich nicht beantworten kann, ist, ob es für solche Angebote überhaupt eine echte Nachfrage gibt: Braucht das jemand außer aus Gewohnheit? Bei mir selbst merke ich keine Nachfrage danach.“

„Man müsste prinzipieller über einen Begriff wie Religion nachdenken. Rilke schreibt, wenn er eine Skulptur betrachtet: ‚Keine Stelle, die dich nicht sieht.‘ Eine religiöse Erfahrung, die den Betrachter, die Betrachterin so trifft, hat eine Wahrheit, die ich anders nicht erfahren kann. Das schafft einen Raum außerhalb der durchformatierten Alltagsrationalität, in der wir uns dauernd bewegen.“

„Ich wünsche mir, dass sich ein unbewusster Dialog zwischen Pastoren, Pastorinnen und Gemeinde eröffnet, ein gemeinsames Träumen. Das sind Momente, in denen so etwas wie ein gemeinsames Erleben entsteht, lauter kleine Brücken zwischen all den existenziellen Einsamkeiten. Genau dafür liebe ich den Gottesdienst. Das kann der Gottesdienst leisten.“

„Wirklich politisch im Gottesdienst ist Poesie, das Sprechen in einer anderen Sprache. Das ist inzwischen geradezu radikal.“

„Um das Leben hier, ein Leben im Kapitalismus, ein Leben ohne Gott, auszuhalten und infrage zu stellen, um eine andere Wahrheit zu erfahren, brauchen wir solche Gottesdienste.“

P.S.: Ein klugen Artikel über den Sinn und Wert von Gottesdiensten gerade in Corona-Zeiten hat Christian Albrecht vor einigen Tagen in der „Neuen Zürcher Zeitung“ veröffentlicht: Hier ist er.

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