Johann Hinrich Claussen über gemeinsames Trauern

Neues über Hiobs Frau
hiob.jpg

jhc

Viele Menschen müssen in diesen Wochen „Hiobsbotschaften“ entgegennehmen. Kein Wunder, dass viele Familien und Partnerschaften darunter leiden. Nun habe ich etwas Neues über Hiobs Frau gelernt, das deutlich macht, wie wichtig es ist, bei aller Unterschiedlichkeit gemeinsam zu trauern.

Die Geschichte von Hiob und seiner Frau geht bekanntlich so: Hiob war ein glücklicher und gerechter Mann. Um seine Frömmigkeit zu prüfen, gab Gott ihn dem Satan in die Hand. Nun folgte Unglück auf Unglück. Hiob verlor Hab und Gut, alle seine Kinder, am Schluss seine Gesundheit. Aber sein Gottvertrauen gab er nicht auf. Nur seine Frau war ihm geblieben. Eine große Stütze war sie ihm nicht. Ihr einziger Rat für ihn lautete bloß: „Leg deine Frömmigkeit ab, verfluche deinen Gott und stirb!“

So kannte ich diese Geschichte bisher. Nun habe ich aus einem kleinen, feinen Buch (Thomas R. Elßner: Hiob – von allen guten Geistern verlassen, 2018) gelernt, dass es noch eine Variante gibt – und zwar in der Septuaginta, der antiken Übersetzung des Alten Testaments ins Griechische. Diese ersten Übersetzer waren offenkundig mit dem ursprünglichen Text unzufrieden, der in Hiobs Frau nur eine barsche Zynikerin sehen konnte. Dabei war sie vom Unglück doch genauso betroffen wie ihr Mann. Deshalb ließen die Übersetzer sie dieses sagen:

„Wie lange noch wirst du standhaft sein und sagen: ‚Siehe, ich warte noch eine kurze Zeit und setze die Erwartung auf meine Errettung‘? Denn sieh doch, ausgelöscht ist dein Andenken von der Erde; Söhne und Töchter sind tot; Geburtsschmerzen und Beschwernisse meines Schoßes, mit denen ich mich umsonst abgemüht habe mit Qualen. Und du selbst sitzt in der Fäulnis der Würmer und verbringst die Nacht unter freiem Himmel. Und ich bin eine Herumstreicherin und Magd geworden; von Ort zu Ort und von Haus zu Haus ziehe ich umher, warte darauf, dass die Sonne untergehen wird, damit ich ausruhen von den Qualen und Beschwerden, die mich jetzt umfangen. Aber sprich irgendein Wort zum Herrn und stirb.“

Männer und Frauen trauern unterschiedlich – das lehrt schon diese uralte Geschichte. Und sie zeigt, wie wichtig es wäre, wenn der eine auch einen Blick für den Schmerz der anderen hätte und umgekehrt.

P.S.: Einen sehr schönen und wichtigen Dienst bietet die Zeitschrift "Psychologie heute" an: Alle Artikel, die mit Corona zu tun haben, sind auf der Website kostenlos zugänglich. Man muss nur diesen Newsletter bestellen.

Neue Lesermeinung schreiben

Wir freuen uns über einen anregenden Meinungsaustausch. Wir begrüßen mutige Meinungen. Bitte stützen Sie sie mit Argumenten und belegen Sie sie nachvollziehbar. Vielen Dank! Damit der Austausch für alle ein Gewinn ist, haben wir Regeln:

  • keine werblichen Inhalte
  • keine Obszönitäten, Pornografie und Hasspropaganda
  • wir beleidigen oder diskriminieren niemanden
  • keine nicht nachprüfbaren Tatsachenbehauptungen
  • Links zu externen Webseiten müssen zu seriösen journalistischen Quellen führen oder im Zweifel mit einem vertretbaren Prüfaufwand für die Redaktion verbunden sein.

Die Redaktion behält sich das Recht vor, Beiträge zu bearbeiten, macht dies aber stets kenntlich. Wir zensieren nicht, wir moderieren.
Wir prüfen alle Beiträge vor Veröffentlichung. Es besteht kein Recht auf Publikation eines Kommentars.

Über diesen Blog

Auch das Überflüssige ist lebens­notwendig: Der Autor und Theologe Johann Hinrich Claussen reist durch die Weiten von Kunst und Kultur

Johann Hinrich Claussen
Johann Hinrich Claussen ist Kulturbeauftragter der Evangelischen Kirche in Deutschland. Das heißt, er kümmert sich um das Gespräch zwischen Kirche und Kultur.

Blogs auf chrismon.de

Hier finden Sie eine Übersicht aller Blogs auf chrismon.de
NEU
Und hier können Sie alle Blogs direkt abonnieren

Blogs

Text:
Susanne Breit-Keßler
103 Beiträge

Essen und Trinken hält Leib und ­Seele zusammen. Und darüber Neues zu lesen, macht den Geist fit. Susanne Breit-Keßler wünscht Guten Appetit!

Text:
Johann Hinrich Claussen
176 Beiträge

Auch das Überflüssige ist lebens­notwendig: Der Autor und Theologe Johann Hinrich Claussen reist durch die Weiten von Kunst und Kultur

Text:
Franz Alt
136 Beiträge

„Lust auf Zukunft“ will unser Kolumnist Franz Alt vermitteln. Ob Energie, Politik, Gesellschaft, Familie oder Umwelt - überall ist der Wandel möglich und durch den Wandel eine bessere Welt für uns alle

Text:
Hanna Lucassen
16 Beiträge

Schwester, Schwester! Hanna Lucassen erzählt von Streiks, Spritzen und Sonntagsdiensten.