Johann Hinrich Claussen über Ernst Troeltsch

Wie damals in Weimar?
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Foto: privat

Es sind hervorragende, erschütternde Analysen der Weimarer Republik und die wohl besten politischen Texte, die je aus der Feder eines evangelischen Theologen geflossen sind: Unter dem Titel „Fehlgeburt einer Republik“ sind die politischen Essays, die Ernst Troeltsch zwischen 1918 bis 1922 geschrieben hat, neu herausgekommen. Der liberale Theologe, Soziologe und Philosoph war einer der ganz wenigen Gelehrten, die sich für die junge Republik einsetzten. Liest man sie heute neu, fallen einem vor allem die Passagen über die Radikalisierung des konservativen Bürgertums in die Augen.

„Eine der üblichen Zeitungsüberschriften ist heute ‚Die Welle von rechts‘. Wo sind die eigentlichen Herde der Reaktion? Teilweise gehören dazu die alten Beamten, die sich zunächst zur Verfügung gestellt hatten und ohne die auch gar nicht zu regieren gewesen wäre, die aber nun­mehr sich vielfach zu einer Art Obstruktion oder gar Sabotage der Regierung gewandt haben. Groß­grundbesitzer und Pastorentum machen zum größten Teil mit allen Mitteln konservative Politik, denunzieren jeden Sozialismus als Bol­schewismus und glauben damit eine bewaffnete Abwehr verbinden zu dürfen; in manchen kleinen Städten herrscht sozial ein vollkom­mener konservativer Terror und Boykott. Hinzukommen die Elemen­te der städtischen und akademischen Bildung. Sprach man vor einem Jahre vor Studenten, so musste man sich auf wilde pazifistische, revolutionäre, ja idealistisch-bolschewistische Widersprüche gefasst machen; heute muss man auf antisemi­tische, nationalistische, antirevolutionäre Einsprüche sich einrich­ten. Man bedenke übrigens, dass die schärfs­ten Vertreter der akademischen Reaktion gerade die Mediziner sind, die fürchten, in die Stellung öffentlich angestellter Hebammen he­rabzusinken.“

Heute stehen Pastoren und Kirchenleitungen zum Glück fest auf Seiten der freien und offenen Gesellschaft. Doch dass gerade sie nach dem Ersten Weltkrieg zu Propagandisten der Reaktion werden konnten, zeigt, wie schnell es geht, dass eine Gruppe sich radikalisiert, die doch eigentlich für den gesellschaftlichen Zusammenhang zuständig wäre. Deshalb ist es so wichtig, wachsam zu sein und aktiv zu werden, wenn man bemerkt, dass anti-demokratische Gesinnungen und Menschenverachtung ins bürgerliche Milieu einsickern. Denn es bleibt nicht bei Stimmungen und abfälligem Gerede, sondern daraus kann sehr bald eine grundsätzliche Ablehnung der politischen Ordnung folgen.

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Auch das Überflüssige ist lebens­notwendig: Der Autor und Theologe Johann Hinrich Claussen reist durch die Weiten von Kunst und Kultur

Johann Hinrich Claussen
Johann Hinrich Claussen ist Kulturbeauftragter der Evangelischen Kirche in Deutschland. Das heißt, er kümmert sich um das Gespräch zwischen Kirche und Kultur.

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