Johann Hinrich Claussen über Entnazifizierung

Johann Hinrich Claussen über Entnazifizierung
Die Braune Republik Deutschland
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Foto: privat

Am vergangenen Wochenende habe ich „Das braune Netz“, das neue Buch von Willi Winkler, gelesen. Darin erzählt der Journalist der „Süddeutschen Zeitung“, wie frühere Nationalsozialisten in der Bundesrepublik bis weit in die 70er Jahre politisch wirksam und kulturell prägend bleiben konnten. Man kann mit dem Lesen gar nicht aufhören, auch wenn man sich dabei ständig am ganzen Körper kratzen möchte, weil es zugleich so interessant und fies ist.

Für mich war diese Lektüre deshalb besonders anregend, weil ich gerade etwas Familienforschung betreibe. Ich lese in Briefen und Lebenserinnerungen meiner Vorfahren und achte dabei auch darauf, was sie über ihr Verhältnis zur NS-Diktatur geschrieben haben. So stieß ich auf die Lebenserinnerungen eines Großonkels aus dem Jahr 1978. Ihn selbst habe ich bewusst nie erlebt. Ich erinnere mich nur an wenige Geschichten über ihn: Er war sehr viel jünger als meine Großmutter und für sie fast wie ein eigenes Kind. Und dass er ein begeisterter Nationalsozialist gewesen sein soll, wurde erzählt. In seinen kurzen Memoiren berichtet er fast nur von Familiärem: Geburten und Todesfällen, heiteren Begebenheiten, Anekdoten von Onkeln und Tanten, seinem wenig erfolgreichen Berufsweg. Doch dann stieß ich mittendrin auf diese Selbstauskunft:

„Inzwischen war das ‚Dritte Reich‘ ausgebrochen. Ich habe viel darüber nachgedacht, was mich zum Eintritt in die Partei führte. Wahrscheinlich war dieser Weg unvermeidbar, bedingt durch viele innere und äußere Faktoren. Mir ist die nachträgliche Verdammung des Geschehenen verständlich, wenn ich auch nicht alle Kritiker für kompetent halte. Ebenso lehne ich aber spießbürgerliche Beschönigungen ab, wie ‚es war ja nicht alle schlecht‘ oder ‚im Anfang war ja auch viel Gutes‘, und was deren mehr ist. Das Schuldbewusstsein, einer Sache gedient zu haben, die unendliches Leid über Millionen von Menschen, über Deutschland und andere Länder gebracht hat, kann mir niemand abnehmen. Es wird nur wenig gemildert durch das Bewußtsein, keinen eigenen Vorteil gehabt zu haben und durch die Bitternisse des letzten Kriegseinsatzes, der Gefangenschaft und der Internierung zu einer inneren Wandlung gefunden zu haben. Die wahren Leidtragenden waren meine Frau und meine Kinder. Ich gebe zu, daß ich in den 12 Jahren des Regimes, besonders vor dem Krieg, für vieles Begeisterung empfand, dass ich viele schöne und frohe Stunden im Kreis gleichgesinnter Freunde und Kameraden erlebte, und daß mich auch in den ersten Kriegsjahren die militärischen Erfolge sehr beeindruckten. Die Ernüchterung begann mit meinem eigenen Kriegseinsatz, zwar nicht an der Front, aber doch tief in ‚Feindesland‘, mit manchen unerfreulichen Einblicken in das, was sich hinter der Front abspielte. Es widerstrebt mir, von interessanten, eindrucksvollen und zum Teil auch erheiternden Erlebnissen aus dieser Zeit zu berichten, weil alle diese Erinnerungen überschattet werden vom Bewußtsein des Schrecklichen, das an anderen Orte geschah durch die Macht, der ich diente und an deren Rechtmäßigkeit ich damals noch glaubte. Das gewaltsame Wegschieben von Kritik an Geschehnissen, die man nicht wahr haben wollte, ist der schwerste nachträgliche Selbstvorwurf, den ich mir mache.“

Danach geht es weiter mit Familiengeschichten.

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Lesermeinungen

Alles wahr und selbst vom Vater gehört oder schamvoll von anderen verschwiegen. Wer das alles bagatellisiert oder gar umdreht, ist für das Wahlrecht nicht berechtigt. Aber lesen Sie doch bitte auch das Buch "Protestanten ohne Protest". Und Sie werden fündig werden! Wo? In den eigenen Reihen. Gab es auch ein zutiefst braunes Kirchennetz?
Zur "Braunen Nachkriegs-Republik" sollte man auch erklärend sagen, wie denn damals die Alternative gelautet hat. Oder gab es gar keine? Alle "braunen Behörden", alle "braunen" Verwaltungsfachleute, das ganze bürokratische Instrumentarium war doch (überleben-) notwendig, um "Den Laden" wieder zum Laufen zu bringen. Die Alternative, ohne die Spur einer Verwaltung, wäre das totale Chaos gewesen. Von einem Aufbau ganz zu schweigen. Sie müssen auch den faulen Apfel essen, wenn sie sonst nichts als den Hunger haben!

Die Stuttgarter Erklärung vom Okt. 1945 war mehr als halbherzig und nach heutigen Maßstäben geradezu arrogant. Das eigene brauen Verwaltungsnetz wurde nicht angetastet. Die wenigen evang. Widerständler sind kein Alibi. Es gab damals um 200.000 ev. Kleriker, leitende Angestellte, "Brüder u. Schwestern" und sonstige Meinungsmultiplikatoren. Keine 1000 waren bis ca. 1941 politisch "aufmüpfig". Als alles zu spät war, war man nicht mehr ernsthaft dabei aber immer noch das evangelische braune Netz, mit dem man die Gläubigen umgarnt und dann gefangen hat. Beide Kirchen verfügten über je ein flächendeckendes Verwaltungsnetz, dem kein Schicksal entging. Sie wußten alles und haben geschwiegen. Eine moralische Überlegenheitsattitüde ist nicht berechtigt.

Selbstverständlich hat die Politik und haben besonders alle Eliten versagt. Übrigens wie z. Zt. auch in den USA und England. Aber die mit Abstand größten Versager waren beide Kirchen, die ihre Werte und Gläubigen mit den Konkordatsverträgen im Juli und September 1933 schamlos verkauft haben. Diese Judas-Erfahrung sollte eigentlich dazu reichen, dass sich die Kirchen nie mehr in die Politik einmischen. Die braune Nachkriegsrepublik hat sich überlebt. Vermutlich als Ersatz für nicht mehr religiös vermittelbare Glaubensansprüche sucht man jetzt nach neuen weltverbessernden BIO-GRÜN-SOZIALEN Betätigungsfeldern. Die kath. Kirche befolgt hier nach Lehrjahren die politische Entsagung zwar öffentlich, aber die haben ja auch mit sich selbst genug zu tun.

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Auch das Überflüssige ist lebens­notwendig: Der Autor und Theologe Johann Hinrich Claussen reist durch die Weiten von Kunst und Kultur

Johann Hinrich Claussen
Johann Hinrich Claussen ist Kulturbeauftragter der Evangelischen Kirche in Deutschland. Das heißt, er kümmert sich um das Gespräch zwischen Kirche und Kultur.

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Zwei Redaktionen, ein Blog: Dominique Bielmeier arbeitet bei der Sächsischen Zeitung in Dresden. Anne Buhrfeind und Dorothea Heintze bei chrismon in Frankfurt. Nun bloggen sie: Über ihren Redaktions-Austausch, ihr Leben als Ossi im Westen, ihr Leben als Wessi im Osten. Und ihren Alltag, hier wie dort.