Johann Hinrich Claussen über Emil Nolde und moralisch fragwürdige Künstler

Johann Hinrich Claussen über Emil Nolde und moralisch fragwürdige Künstler
Nolde betrachten …
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Foto: privat

Die Namen und Anlässe wechseln, die grundsätzliche Frage bleibt dieselbe. Wenn einem Künstler schwere moralische Verfehlungen nachgewiesen werden, darf/kann/soll man dann seine Werke noch betrachten, hören, genießen?

Im Moment wird dies am Beispiel von Emil Nolde diskutiert. Denn eine beeindruckende Ausstellung hat gezeigt, wie innig er mit dem Nationalsozialismus verbunden war, obwohl doch über Jahrzehnte die Legende erzählt wurde, er sei nur ein Opfer der Diktatur gewesen.

Nun ist einerseits die Unterscheidung zwischen einem Künstler und seinem Werk außerordentlich wichtig. Sie entspricht übrigens einem Grundprinzip evangelischer Theologie: Person und Werk sind immer zu unterscheiden, ein Mensch ist stets mehr und anderes als seine Taten, wie sonst sollte er Erlösung finden und Freiheit von seinen Sünden gewinnen?

Andererseits unterlaufen manche Künstler (und deren Anhänger oder Vermarkter) diese grundhumane Unterscheidung selbst. Sie präsentieren und positionieren ihre Kunstwerke über ihre Künstlerpersönlichkeit bzw. über Legenden, die sie über sich selbst erzählen. Sie „verkaufen“ also ihre Werke nicht „pur“, sondern im Rahmen einer Lebensgeschichte. So wurden Noldes „ungemalte Bilder“ deshalb so bewundert, weil sie angeblich künstlerische Widerstandsakte waren. Dann ist es ein legitimes Interesse der Öffentlichkeit, dass dieser heillose Konnex einmal genauer angeschaut wird. Man möchte die guten oder fatalen Wechselwirkungen zwischen Leben und Werk besser verstehen. Im Falle von Nolde führt dies dazu, dass einem manche Bilder nicht mehr ganz so unschuldig erscheinen. Mit moralistisch-hysterischem Putzfimmel hat dies nichts zu tun, sondern mit dem Interesse an einem mündigen Kunstgenuss.

Ob die Bundeskanzlerin in ihrem Büro nun weiterhin Nolde-Bilder auf- oder abhängt, interessiert mich allerdings weniger. Denn ich gehe davon aus, dass ich so bald nicht in diesen besonderen Raum eingeladen werde. Aber auf die Nolde-Ausstellung im „Hamburger Bahnhof“ hätte ich ungern verzichtet.

P.S.: Und bei all diesen Gedanken genügt es nicht, über andere zu urteilen, sondern es gilt, das eigene Gewissen zu schärfen. Denn wie wird man einmal über uns urteilen – unsere Person und unsere Taten – oder im Fall der Umweltzerstörung: unsere Nicht-Taten?

P.P.S.: Das Foto oben stammt aus der Ausstellung und zeigt, wie Noldes monumentale „Kreuzigung“ in die NS-Ausstellung „Entartete Kunst“ transportiert wird.

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