Johann Hinrich Claussen über ein Gemälde von Rudi Kargus

Der verlorene Engel
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rudi kargus

DEUTSCHER TEXT

Besser noch, als in eines der wiedereröffneten und traurig leeren Kunstmuseen zu gehen, ist es, einen Künstler in seinem Atelier zu besuchen. Falls man das Glück dazu hat. Denn wenn man einen Maler oder eine Bildhauerin in der eigenen Werkstatt erlebt, kann man einen ganz anderen Eindruck davon gewinnen, wie ein Kunstwerk entsteht, beginnt, wächst, sich verändert, Wege und Umwege geht, verworfen und neubegonnen wird, und wann – ja, wann es eigentlich fertig ist. Wie entscheidet ein Künstler das und nach welchen Kriterien? Hängt das Werk dann in einem schönen Rahmen oder steht es schließlich auf einem erhabenen Sockel im Museum, vermittelt es den Eindruck, immer schon so gewesen und nur so möglich zu sein. Als hätte es nicht auch anders werden können. Dabei ist doch genau dies der eigentümliche Zauber eines zeitgenössischen Kunstwerks: Es erfüllt keinen Auftrag, führt kein Programm durch, soll nichts abbilden, sondern ist eine reine, freie Bewegung, die nur dem eigenen künstlerischen Impuls folgt, ohne dass der Künstler vorher wissen oder planen könnte, wohin es ihn führt. Genau darin könnte auch der existentielle Sinn der zeitgenössischen Kunst liegen: So wie die Kunst ist auch das Leben eine freie Bewegung – oder sollte es sein. Vielleicht deshalb betrachten auch künstlerisch unbegabte Menschen wie ich mit solch einem Interesse zeitgenössische Kunstwerke, weil sie hoffen, dadurch dem verborgenen Fluss der eigenen Existenz irgendwie auf die Spur zu kommen.

Nun hatten wir das Glück, das Atelier des Malers Rudi Kargus im Norden von Hamburg besuchen zu können. Viele seiner Gemälde haben wir gemeinsam betrachtet, über die Bewegung des Malens gesprochen, den kreativen Prozess, der bei einem gegenständlichen Motiv beginnen kann, um dann seine eigenen Wege einzuschlagen und ganz woanders zu enden. Wie konzentriert und zugleich entspannt man währenddessen zu sein hat, wieviel man entscheiden, aber auch geschehen lassen muss. Man hat als Maler das Gemälde, das sein soll, eben nicht in der Hand, auch wenn es doch nur durch die Arbeit der eigenen Hände entsteht. Und irgendwann ist dann da ein Bild, das vollendet ist, dem man aber immer noch sein Werden ansieht.

Ein Bild von Rudi Kargus geht mir besonders nach. Man sieht auf ihm einen weiten, hellen blauen Raum. „Himmel“ könnte man ihn nennen. Oben rechts und an der Seite links sieht man farbige Schlieren von weiß, gelb, braun, rot, dunkelblau. Wer möchte, darf sie „Wolken“ nennen. Unten links sieht man auf einem tiefdunklen, mit kleinen farbigen Mosaikstücken aufgelockerten Untergrund – nennen wir ihn „Erde“ – ein braunes tierisches Wesen. Ich erlaube mir, es „Wildschwein“ zu rufen. Doch die Faszination dieses Bildes liegt für mich nicht in diesen gegenstandsähnlichen Details, sondern in der weiten, hellen, blauen Fläche – diesem bewegten Freiraum, einem malerischen Schweben.

Nun hat dieses Bild einen Titel. Er ist dem Maler wie üblich während des Malens gekommen, das bildnerische und das sprachliche Werden verbinden sich bei ihm. Dieses nun heißt: „Der verlorene Engel“. Dazu gibt es eine Geschichte. Anfangs hat es auf der rechten Seite eine Gestalt gegeben. Schön muss sie gewesen. Einige Atelierbesucher haben sie besonders liebgewonnen und in ihr einen Engel gesehen. Mit dem wilden Schwein auf der anderen Seite muss sie in einem reizvollen Kontrast gestanden, vor dem blauen Hintergrund wird sie wie ein himmlisches Versprechen gewirkt haben. Doch das Bild war eben noch nicht fertig, die malerische Bewegung nicht zu Ende geführt. So kam es, dass der Pinsel aus einem Gefühl innerer Notwendigkeit den Engel übermalte. Ein Unfall, eine Grausamkeit oder ein Glück, eine Befreiung? Wer jetzt das fertige Bild betrachtet und dabei seinen Titel bedenkt, kann sich von dieser falschen Alternative befreien. Er sieht den Engel nicht und sieht ihn doch. Wenn er möchte, gewinnt das Bild für ihn eine spirituelle Qualität, aber er wird nicht mit einem religiösen Abbild behelligt. Der übermalte Engel führt ihn tiefer in das Bild hinein und darüber hinaus. Eine Richtung ist da, doch sie ist nicht festgelegt, sie weist ins Offene.

Es gibt eine berühmte Auslegung des Jesus-Gleichnisses vom verlorenen Sohn. Sie sagt, dass der Sohn sein Vaterhaus verlassen und verloren gehen musste, um als erwachsener Mann zurückkehren zu können. Vielleicht musste auch dieser Engel verloren gehen, um später von Betrachtern wiedergefunden zu werden. In einem Katalog hat Rudi Kargus diesen Satz hinterlassen: „Irgendwo im Nirgendwo existiert eine bessere Welt und macht das Unmögliche möglich.“

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Johann Hinrich Claussen
Johann Hinrich Claussen ist Kulturbeauftragter der Evangelischen Kirche in Deutschland. Das heißt, er kümmert sich um das Gespräch zwischen Kirche und Kultur.

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