Johann Hinrich Claussen über digitale Museen

Bilder frei!
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© Städel-Museum Frankfurt

Das ist allen klar geworden: Die Corona-Pandemie hat der Digitalisierung einen weiteren epochalen Schub gegeben. Undeutlich ist, wie das zu beurteilen ist und wie wir damit leben sollen. Dass es manchmal aber auch zu schlicht wunderbaren Ergebnissen führt, hat jetzt das Frankfurter Städel-Museum vorgemacht. Schon lange ist es führend in der digitalen Öffnung der eigenen Sammlung und Ausstellungsarbeit. So gibt es seit wenigen Jahren einen sehr gelungenen Online-Kunstgeschichtskurs, der einem hilft, das Museum intensiver zu erleben und zu verstehen. Nun hat das Museum mehr als 22.000 Werke online zur freien Verfügung gestellt. Man geht auf die Website, stöbert im Depot und kann die älteren Werke (deren Schöpfer/innen vor mehr als 70 Jahren verstorben sind) kostenfrei herunterladen, teilen, bearbeiten oder sonst wie nutzen (man muss nur ein paar Regeln befolgen). So wird aus einer zu großen Teilen in Depots eingeschlossenen Museumssammlung ein öffentlicher Besitz.

Ich habe es gleich versucht und das obige Gemälde von Johan Christian Clausen Dahl heruntergeladen. Mich hatte zunächst der wunderschöne, fast perfekte Name des Künstlers angesprochen (leider fehlen bei Johan ein N und bei Clausen ein S). Zudem liebe ich Caspar David Friedrich so sehr, dass ich auch seine Freunde näher kennenlernen möchte. Wie Friedrich gelingt diesem norwegischen Landschaftsmaler das romantische Kunststück, Schönheit und Erschrecken zu versöhnen. Und schließlich musste ich beim Betrachten dieser Darstellung des Ausbruchs des Vesuvs von 1820 an meinen Patenonkel denken, der im Norden Kaliforniens lebt und jeden Morgen, Mittag und Abend zum Hügelkamm schaut, ob das Feuer noch näherkommt – etwa so ähnlich wie die beiden Männer in der Bildmitte. So wird dieses alte Gemälde für mich zu einem Zeichen unserer Zeit.

Natürlich, es gibt nichts Gutes ohne problematische Nebenwirkungen. Führt solch eine digitale Bereitstellung nicht zu einem noch achtloseren Umgang mit Kunstwerken? Werden die Nutzer dieses Angebots große Gemälde auf ihre winzigen Handybildschirme zwängen, hin- und herwischen oder gar blödsinnig zu Gags verfremden? Werden sie das Gefühl dafür ganz verlieren, dass man ein Kunstwerk nur dann wirklich „sieht“, wenn man länger davorsteht? (Ähnliche Fragen stellen sich ja auch beim Gottesdienst.)

Der Hamburger Maler Johannes Nawrath hat es einmal so beschrieben: „Bildende Kunst und Architektur sind die einzigen Sparten, bei deren Betrachtung wir die Länge der Zeitspanne selbst festlegen können, um sie ganz zu erfassen. Einen Roman sollten wir von vorne bis hinten lesen, ein Musikstück bis zum Schluss anhören. Bei Bildern oder Bauwerken, meinen wir häufig, genügt ein kurzer Blick. Eine Folge der uns umgebenden Bilderflut ist es, dass das meiste, was wir sehen, uns schon von Abbildungen bekannt ist. Stehen wir vor dem Original, verführt uns das einfache Wiedererkennen schon dazu, nicht mehr genau hinzuschauen. Dabei ist doch gerade die konkrete Wirklichkeit interessanter als ihre Reproduktion. Es ist also eine wichtige Voraussetzung, die Dinge mit Zeit und in Ruhe zu betrachten, um sie wirklich wahrzunehmen. Es lohnt sich, die sichtbare Umwelt zu verschiedenen Zeiten bewußt anzuschauen, auf Details zu achten, Strukturen zu erkennen. Entscheidend ist dabei das Licht, das wiederum großen Einfluss auf die Farben hat. Eine Fassade beispielsweise wirkt im fahlen Morgenlicht ganz anders als in gleißender Mittagssonne. Bei der bewußten Betrachtung ist es hilfreich, die Farben und ihre Differenzierungen zu benennen, sich Beobachtungen also zu gegenwärtigen.“

Es kann also sein, dass die digitale Großzügigkeit des Städels eine problematische Entwicklung unterstützt. Da ich heute aber mal etwas Positives von mir geben wollte und mich einfach gefreut hatte, hoffe ich, dass dieses schöne Angebot mehr Menschen dazu verlockt, sich in ihrem örtlichen Kunstmuseum wieder die Sammlung im Original anzusehen.

(Dieses Gemälde ist Teil der Sammlung des Frankfurter Städel-Museums. Es wurde nicht verändert. Hier geht es zur Lizenz.)

P.S.: Es gibt einen neuen Podcast, nämlich ein Gespräch mit Matthias Kamann, Redakteur der „Welt“, der einen sehr klugen Artikel über den Niedergang der Kirche geschrieben hat. Man kann es über die Website von reflab oder Spotify und nun auch bei Apple Podcasts hören.

P.S.S.: Und wer sich für die religiöse Aspekte in den wunderbaren, erschreckenden Gedichten von Anne Sexton interessiert, für den hat Burkhardt Reinartz ein meisterhaftes Radio-Essay geschaffen.

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Johann Hinrich Claussen
Johann Hinrich Claussen ist Kulturbeauftragter der Evangelischen Kirche in Deutschland. Das heißt, er kümmert sich um das Gespräch zwischen Kirche und Kultur.

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