Johann Hinrich Claussen über die USA, Trump und Evangelikale

Das Jüngste Gericht der US-Evangelikalen

jhc

Viele haben sich schon zum Angriff von Trump-Anhängern auf das Capitol geäußert. Hier kommt eine wichtige, in Deutschland ungehörte Stimme – die eines prominenten US-Evangelikalen. Nicht alle frommen Protestanten sind gewissenlose Extremisten, es gibt auch andere.

Wer sich über die Evangelikalen in den USA informieren will, sollte regelmäßig die Website von „Christianity Today“ besuchen. Dort begegnet man nachdenklichen Menschen (und nicht den bösartigen Irren, die sonst in den deutschen Medien gezeigt werden). Wie immer man zu ihren theologischen und politischen Positionen stehen mag – es lohnt, ihnen zuzuhören.

Jetzt hat Ed Stetzer, geschäftsführender Direktor des renommierten Wheaton College Billy Graham Center, einen hochinteressanten Kommentar zu den jüngsten Turbulenzen verfasst – unter dem biblischen Leitwort: "Lasst euch nicht täuschen: Gott lässt sich nicht spotten; denn was der Mensch sät, das wird er auch ernten" (Galater 6,7). Ich präsentiere hier einige Kernaussagen auf Deutsch. Wer den ganzen Kommentar auf Englisch lesen möchte, klicke hier.

„Eltern lehren ihre Kinder, dass Handlungen Folgen haben. Leider haben wir in diesen Tagen viele Beispiele von Menschen erlebt, die diese Lektion nie zu lernen scheinen. Und wenn diese Beispiele diejenigen sind, denen Macht anvertraut wurde, sind die Konsequenzen weitreichend. An diesen Tag wird man sich noch Jahre später erinnern.

Präsident Trumps anhaltende Behauptungen über massiven Betrug und seine mangelnde Bereitschaft, die Wahl 2020 anzuerkennen, haben Konsequenzen. Trump hat uns gesagt, dass es so kommen würde.

Ja, viele Evangelikale haben nur widerwillig für Trump gestimmt, weil sie Bedenken bezüglich seines Charakters hatten, aber mit seiner Politik übereinstimmten. Die Früchte zeigen sich jedoch heute, und Evangelikale, die sich mitschuldig gemacht haben, müssen auch diese Illegalität verurteilen.

Was wir heute auf unserem Bildschirm sehen, ist kein friedlicher Protest. Unruhen sind niemals richtig, egal ob sie von Kriminellen angezettelt werden, die Gemeinden plündern, oder von Präsidenten, die mit Verschwörungen hausieren gehen.

Heute müssen Evangelikale dies als das bezeichnen, was es ist. Dies ist ein beispielloser Einbruch in das Kapitol durch einen gesetzlosen Mob, an dem viele Menschen beteiligt sind, die durch Verschwörungstheorien angestachelt werden – viele dieser Theorien kursieren unter bestimmten (und sogar bekannten) evangelikalen Christen.

Als Donald Trump auf der politischen Bühne auftauchte, sahen viele in ihm einen Hauch von frischem Wind. Weit davon entfernt, von seinem Image als Kämpfer abgeschreckt zu werden, fühlten sich die Wähler von ihm angezogen, weil er bereit war, zurückzuschlagen. Doch diese Tendenz brachte ihm ebenso viele Gegner wie Fans ein, vor allem, wenn er die Grenzen zum Mobbing, zur Erniedrigung und zu rassistischen Äußerungen überschritt. Nach der Wahl hat Trump wiederholt unbelegte Behauptungen über massiven Wählerbetrug aufgestellt.

Ich glaube, dass in den kommenden Monaten viel mehr Menschen diese Dinge klarer sehen werden, wenn wir den angerichteten Schaden aufarbeiten. Mehr als die politische Situation fürchte ich einen dauerhaften Schaden für unser Zeugnis/Bekenntnis, da (weiße) Evangelikale so eng mit diesem Präsidenten verbandelt waren.

Es kommt eine amerikanische Abrechnung*... Aber es wird auch eine evangelikale Abrechnung geben.

Im Moment wissen wir drei Dinge.

Der Charakter zählt.

Wahlen haben Konsequenzen.

Und das gilt auch für Verschwörungstheorien.“

* Das deutsche Wort „Abrechnung“ ist hier die Übersetzung des amerikanischen “reckoning“. Man könnte dieses auch mit „Jüngster Tag“ übersetzen.

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Lesermeinungen

Wenn man sich sowohl den sexuellen Lebenslauf als auch seine ökonomischen Seitensprünge ansieht, war alles vorhersehbar und weder vorher ein Trumpf noch hinterher ein Triumpf. Seine Pleiten, sein Betrug mit der Universität, seine Vermietungsmethoden, seine TV-Serie (You are fired!) waren, wie „Mein Kampf“, genug Warnung. Geld regiert nicht nur die Welt, sondern negiert auch das Gewissen. Die späte Einsicht bei den vorher hysterischen Evangelikalen (Tea Party) ist da, wenn auch zu spät. Ein solcher Typ bei uns? Undenkbar! Oder kann es auch bei uns zu diesen rabiaten Gesellschaftsveränderungen kommen, dass das Geschrei eines solchen Populisten wieder wirksam werden kann? Uns wurden immer nur die gesellschaftlichen Verhältnisse in den USA präsentiert, die diese Entwicklung ermöglichten. Aber wo sind die Erklärer, die die Gründe nennen, warum es zu diesen Entwicklungen kam? Welchen Einfluss werden künftig die globalen „Vermischungen“ für die nationalen Kulturen haben? Und sind die USA auch wieder die „Vorbeter“ für uns? Unmöglich? Wir sollten nicht nur die kurzfristige Zukunft im Blickfeld haben, sondern langfristiger denken. Gesellschaftsveränderungen können nicht rückgängig gemacht werden.

Über diesen Blog

Auch das Überflüssige ist lebens­notwendig: Der Autor und Theologe Johann Hinrich Claussen reist durch die Weiten von Kunst und Kultur

Johann Hinrich Claussen
Johann Hinrich Claussen ist Kulturbeauftragter der Evangelischen Kirche in Deutschland. Das heißt, er kümmert sich um das Gespräch zwischen Kirche und Kultur.

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