Johann Hinrich Claussen über die Reformation

Johann Hinrich Claussen über die Reformation
Wenn die Reformation nicht stattgefunden hätte…
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privat

Über die Reformationsgeschichte ist alles gesagt. Aber ein alter Roman wirft ein neues Licht auf die allzu bekannte Geschichte. Er gehört einer Literaturgattung an, die man als Umdrehung der Science-Fiction bezeichnen kann. Sie schaut nicht in Zukunft, um darüber zu spekulieren, wie es werden könnte. Sondern sie schaut in die Vergangenheit, um darüber zu sinnieren, wie es hätte werden können, wenn früher die eine oder andere Sache anders ausgegangen wären. Man nennt diese Gattung „Alternativ-Geschichte“.

Kingsley Amis war einer der bekanntesten britischen Nachkriegsautoren. Heute ist sein Name nur noch Anglisten vertraut. 1976 hat er einen „Alternative History“-Roman verfasst, der heute noch einen theologischen Spaß und einige ernsthafte Anregungen beschert. „The Alteration/Die Verwandlung“ spielt im Jahr 1976. Doch es ist eine ganz andere Zeit, als ich sie erinnere. Dafür gibt es einen Grund: Die Reformation hat nicht stattgefunden. Martin Luther war nach Rom gereist, um mit den dortigen Autoritäten direkt zu verhandeln. Er soll ihnen dieses gesagt haben: „Wenn ihr mich verbrennt, werdet ihr Tausende meiner Anhänger verbrennen müssen, nicht nur in meinem Land. Aber wenn ihr mich zum Papst macht und den Engländern versprecht, dass sie als nächste dran sind, dann werden alle meine Anhänger bereitstehen und den abtrünnigen englischen König Henry stürzen.“ Das leuchtete ein: Als Germanian I. wurde Luther zum Papst gewählt. Zugleich wurde vereinbart, dass Thomas More (uns bekannt als Lordkanzler unter Heinrich VIII.) ihm als Hadrian VII. nachfolgen sollte. Im Gegenzug wurde die Reformation abgeblasen. Die Einheit der Kirche blieb gewahrt. In England konnte der Usurpator „Henry the Abonimable/Heinrich, der Verabscheuungswürdige“ durch einen päpstlichen Kreuzzug besiegt werden, England blieb deshalb treuer Teil der universalen Kirche und in sich geeint: mit Irland als West- und mit Schottland als Nord-England.

Natürlich forderte auch die Entwicklung einige Opfer. Luthers Judenhass scheint nun eine weitaus größere Wirkung entfaltet zu haben. Denn in diesem „1976“ müssen die wenigen Juden in streng abgeschirmten Ghettos leben und gelbe Sterne an ihrer Kleidung tragen. Und: Da Martin Luther/Germanian I. die monströsen und überteuerten Pläne zum Neubau des Petersdoms durchstrich, um stattdessen eine weitaus schlichtere und billigere Papst-Kirche errichten zu lassen, soll ein kaum bekannter Künstler namens Boonarotty Selbstmord begangen haben.

Nur jenseits des Atlantiks sah es anders aus. In Neu-England lebten Christen ganz anderer Art in Städten wie Wyclif-City, Hussville oder Waldensia ganz ohne Papst, Heilige, erlösende Sakramente, prächtige Messen und zölibatäre Priester: Alle Gläubigen waren einander gleichgestellt. Allerdings wurden die weißen Neusiedler und die dunkelhäutigeren Ureinwohner durch ein Apartheidsregime voneinander getrennt, zudem herrschte hier ein rigides Moralregiment.

Das ist der Hintergrund, vor dem sich eine etwas abseitige, aber spannende Geschichte abspielt: Ein englischer Junge, der 10jährige Hubert Anvil, kann so himmlisch schön singen und jede Messe zu einem solch erhebenden Genuss verwandeln, dass er nach dem Willen der Kirchenoberen und seines überfrommen Vaters „verwandelt“, also kastriert werden soll. Denn diese Praxis, die über viele Jahrhunderte zur kirchenmusikalischen Kultur des Vatikans gehörte, ist in diesem alternativen 1976 immer noch gängig. (Wir erinnern uns: In der „richtigen“ Geschichte verstarb der letzte römisch-katholische Kastrat, namens Alessandro Moreschi, erst im Jahr 1922.) Dem Jungen wird im Gegenzug zu seiner „alteration“ eine unvergleichliche Karriere in Aussicht gestellt. Seine Stimme sei ein solches Wunder, dass es eine Sünde sei, sie an die Pubertät verloren zu geben. Doch aus zwei Gründen will Hubert nicht. Zum einen hat er sich gerade zum ersten Mal in ein Mädchen verguckt– und zwar ausgerechnet in die Tochter des neu-engländischen Botschafters. Zum anderen hat der Wunderknabe erfahren, dass man nicht beides zugleich sein kann: ein großer Sänger und ein großer Komponist. Da seine eigentliche künstlerische Ambition aber das Komponieren ist, versucht er zu fliehen und auf den Kontinent der Ketzer zu gelangen – mit Hilfe eines dieser neumodischen Fluggeräte, die gerade erst in Amerika erfunden worden sind. Doch – „spoiler allert!“ – leider soll ihm dies nicht gelingen, Hubert wird „verwandelt“, bleibt bzw. wird später ein weltberühmter und intensiv verehrter Tenor in Europa – oder von dem, was von diesem Kontinent übrig ist.

Denn 1976 bricht der Vatikan, um von einer neuartigen Epidemie abzulenken, an der er nicht unschuldig ist, weil es ihm gelungen ist, eine unabhängige naturwissenschaftliche und medizinische Forschung zu unterdrücken, einen epochalen Religionskrieg gegen die Türken vom Zaun. Der jahrzehntelange kalte Krieg zwischen Christen und Muslimen wird so zu einem heißen. 1991 – mit diesem Zeitsprung von 15 Jahren sind wir am Ende des Romans angelangt – sind ihm Millionen Menschen zum Opfer gefallen, womit auch das Problem der europäischen Überbevölkerung ganz ohne Verhütung gelöst wurde. Fast hätten die muslimischen Truppen gewonnen, doch am Ende obsiegt die Allerheiligste Katholische Kirche und das von ihr beherrschte Europa.

Amis verfolgte mit diesem Roman primär ein ästhetisches und existentielles Interesse. 1973 hatte er eine historische Aufnahme von Alessandro Morschis Gesang gehört, war aber empört gewesen. Wahre Kunst könne von einem Kastraten nicht hervorgebracht werden, denn diese bestehe ganz wesentlich auch in einer Feier menschlicher Sexualität. Mit der Zelebration dieser seelisch-körperlichen Funktion soll Amis selbst es übrigens einigermaßen übertrieben haben, allerdings wird auch berichtet, er habe mit diesem Roman eine zwischenzeitliche Impotenz zu bewältigen versucht.

Das Bild, das Kingsley Amis, von „England und Europa 1976“ malt, ist bei aller lustvollen Abstrusität ein präzises Gegenbild zum realen England und Europa. Der Ausfall der Reformation bedeutet, dass es keine relevante innereuropäische Differenz und Vielfalt gibt. (England und Europa sind durch eine Brücke verbunden.) Auch Großbritannien ist einfach England, ohne die konfessionell-kulturelle Binnenunterschiede der Schotten und Iren. Diese Einheitlichkeit folgt aus der Nichtexistenz individueller Freiheit, wie sie durch eine Reformation hätte eröffnet werden können. Diese Nicht-Freiheit hat für Amis ganz zentral eine körperlich-sexuelle Dimension: Die Handlungstreiber Zölibat und Kastration markieren dies drastisch. Es kann bei dem Atheisten, Künstler und Erotomanen Amis gar nicht anders sein: Der erotische und der ästhetische Grundimpuls treten an die Stelle des Glaubens, der in diesem Buch nur ein Nebendarsteller ist. Im Kern dieser alternativen Nicht-Reformationsgeschichte spielt die Religion also eine weitaus geringere Rolle als das sexuelle Begehren und das künstlerische Wollen.

Hinzu kommen noch die politische Dimension – die Demokratie wurde nicht erfunden –, die wissenschaftliche Dimension – unabhängige Forschung wurde im Keim erstickt –, die kulturelle Dimension – eine unkirchliche Kunst konnte sich nicht entwickeln (von Mozart bis Hockney: alles Kirchenkünstler, von den Werken Shakespeare überlebte nur der „Hamlet“, der allerdings nur in Neu-England aufgeführt werden kann) –, die intellektuelle Dimension – ein unabhängiger Intellektuellenstand durfte nicht entstehen (als bedeutendster Denker dieses „1976“ wird der Jesuit Jean-Paul Sartre erwähnt). Dabei reformuliert Amis keineswegs die protestantische Meistererzählung von der Erfindung der Freiheit durch die Reformation. Dazu ist sein Blick auch auf „Neu-England“ viel zu düster. Aber er beweist einen feinen Sinn dafür, dass Vielfalt und Freiheit, Differenz und Individualität – in all ihren Ambivalenzen – eng verknüpft sind, dass das reale Europa ohne diese Spannungseinheit nicht zu denken ist – und dass dies eben doch auch etwas mit den Reformationen des 16. Jahrhunderts zu tun hat.

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Johann Hinrich Claussen ist Kulturbeauftragter der Evangelischen Kirche in Deutschland. Das heißt, er kümmert sich um das Gespräch zwischen Kirche und Kultur.

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Zwei Redaktionen, ein Blog: Dominique Bielmeier arbeitet bei der Sächsischen Zeitung in Dresden. Anne Buhrfeind und Dorothea Heintze bei chrismon in Frankfurt. Nun bloggen sie: Über ihren Redaktions-Austausch, ihr Leben als Ossi im Westen, ihr Leben als Wessi im Osten. Und ihren Alltag, hier wie dort.