Johann Hinrich Claussen über die Mars Hill Church

Erfolg ist auch keine Lösung

jhc

Die Welt ist voller Podcasts. Aber dieser hier, aus der fernen Religionswelt der USA, ist besonders empfehlenswert. Er gibt auch uns in Deutschland zu denken.

Mein Schweizer Kollege Manuel Schmid hatte mich darauf aufmerksam gemacht. Ich hatte wieder mal Entscheidendes im Leben verpasst. Das hervorragende, evangelikale Magazin „Christianity Today“ hat einen siebenteiligen Podcast über eine der erfolgreichsten Mega-Churches produziert: „The Rise and Fall of Mars Hill“. Ihr Gründer und Anführer Mark Driscoll hatte es zu ungewöhnlichem Ruhm gebracht. In Seattle, der vielleicht säkularsten Stadt der USA, hatte er eine Kirche neuen Typs gegründet, perfekt ausgerichtet auf die Bedürfnisse, Fragen, Kommunikations- und Konsumgewohnheiten einer jungen Klientel, ihren Geschmack und Stil. Man könnte von „Grunge Christianity“ sprechen. Geboten wurden Indie-Rock, offensive Lockerheit, unverstellte Konservativität und eine massive Männlichkeit. Das kam an, Driscoll wurde zum Star, die Gemeinde wuchs, wurde zur Marke, zahlreiche Filialen wurden gegründet.

Auf den steilen Aufstieg aber folgte ein abrupter Fall. Denn Charisma hat neben der hellen auch eine dunkle Seite. Es ist die wohl massivste und gefährlichste Gestalt von Macht. Wo einer charismatisch ist, müssen alle anderen unbedingten Gehorsam leisten. Kritik ist nicht vorgesehen, Mäßigung bald nicht mehr möglich. Dabei wurden Driscoll nicht sexuelle Übergriffe oder sexualisierte Gewalt vorgeworfen, auch nicht Korruption und Bereicherung. Es ging um kommunikative Gewalt, Anbrüllen, Fertigmachen, Rausschmeißen, ein Arbeitsklima der Angst. Auf diese Vorwürfe wusste die junge Organisation nichts zu antworten. Sie hatte dafür keine Strukturen. Am Ende trat Driscoll plötzlich zurück, und damit hörte die Geschichte seiner Kirche auf. Zurückblieben enttäuschte, verletzte, zum Teil traumatisierte Menschen. Sie hatten „spiritual abuse“ erfahren.

Was geht uns das in Deutschland an, wo die christliche Religionskultur immer noch eine ganz andere ist? Zum einen, denke ich, kann man in diesem ebenso spannenden wie nachdenklichen Podcast lernen, dem Erfolg zu misstrauen. Das Versprechen, mit den Methoden des Konsumkapitalismus und dem Charisma einer Führungsfigur die Massen zu gewinnen, ist trügerisch. Natürlich dürfte bei uns gern um frischer, zeitgemäßer und für Jugendliche attraktiver werden, aber im Zentrum der pastoralen Arbeit muss die Qualität stehen, nicht die Quantität.

Zum anderen kann einem beim Hören dieses Podcast aufgehen, dass institutionelle Strukturen einen hohen Wert besitzen können. Zugegeben, die evangelische Kirche in Deutschland besitzt davon zu viel. Aber nur eine Kirche, die auch als Institution gestaltet ist, kann Regeln aufstellen und dafür zu sorgen versuchen, dass sie befolgt werden. Und im Fall des Versagens ist sie anzusprechen, anzuklagen, verantwortlich zu machen. Das schreibe ich mit einem Seitenblick auf die EKD-Synode, die gerade stattfand. Wieder wurde das Thema „Sexualisierte Gewalt in der evangelischen Kirche“ diskutiert, wieder gab es Kritik von Betroffenen und auch Selbstkritik. Das ist ein weites Feld, das ich hier nicht ausmessen kann. Es geht mir nur um diesen einen Aspekt: Eine kirchliche Institution kann einen Ort für die Debatte bieten, eine Adressatin für die Kritik sein und eine Verantwortungsträgerin dafür, dass es in Zukunft besser wird. Anders war es im Fall der anti-institutionellen, weil charismatischen Mars Hill Church. Als die Vorwürfe gegen ihren Chef nicht mehr zu überhören waren, machte sie dicht. Die Show war einfach vorbei.

P.S.: In, nun ja, meinem Podcast „Draußen mit Claussen“ führe ich alle, die es interessiert, in eine ganz andere Lebens- und Religionswelt, nämlich in den Nordosten Argentiniens. Dabei helfen mir Karla Steilmann und Guillermo Berrin aus Misiones.

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Johann Hinrich Claussen
Johann Hinrich Claussen ist Kulturbeauftragter der Evangelischen Kirche in Deutschland. Das heißt, er kümmert sich um das Gespräch zwischen Kirche und Kultur.

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