Johann Hinrich Claussen über die Lage der Kirche

Kirche in Not, immer schon

Steffen Hafner

Vor kurzem las ich Texte zur Lage der evangelischen Kirche aus den 1920er Jahren. Was mich erstaunt hat: Sie hätten auch heute geschrieben worden sein. Spricht das für oder gegen sie?

Gerade gebe ich an der Humboldt Universität ein Seminar über moderne Kirchbauten. Da lasen wir einen Sammelband von 1925, in dem Theologen und Architekten die Situation der Kirche untersuchten, um daraus zu folgern, was für Kirchbauten sie errichten sollten. Überraschenderweise wirkten ihre Analysen zeitlos gültig: Die Lage der evangelischen Kirche ist desolat, der Bedeutungsverlust ist immens, niemand glaubt mehr, die Gottesdienste sind leer, es fehlt an Geld.

Ich stutzte und versuchte mich daran zu erinnern, wie zu Beginn oder Mitte des 19. Jahrhunderts, im 18. Jahrhundert oder während der Reformationszeit die Lage der evangelischen Kirche gesehen wurde. Mir scheint: genauso. Was aber soll eine kirchliche Zeitdiagnose bedeuten, wenn das Ergebnis immer dasselbe ist? Und woran liegt es, dass der Niedergang das einzige durchgängige Kennzeichen der evangelischen Kirche zu sein scheint? Vielleicht daran, dass man sich an einer unhistorischen Idealvorstellung ausrichtet, der gegenüber die kirchliche Wirklichkeit immer abfallen muss? Sollte man nicht zur Abwechslung mal dieses Ideal hinterfragen?

Vor kurzen hatte ich ein Gespräch mit einer Antisemitismusforscherin. So ganz nebenbei bemerkte sie, dass es um die evangelische Kirche heute doch eigentlich ganz gut bestellt sei: weniger autoritäre Macht, weniger Druck und Hass, weniger Nationalismus und Antisemitismus. Sie sei zwar keine Protestantin, hätte aber den Eindruck, als sei bei uns heute einiges deutlich besser als früher.

Zurück zu diesem Sammelband von 1925. Ein Aufsatz stammt von meinem ewigen Lieblingsarchitekten: Otto Bartning. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde er durch seine "Notkirchen" berühmt – günstige und schnell zu errichtende Modellsatz-Kirchen für die zerstörten Städte. Den Namen dafür aber hatte er schon 1925 erfunden: Die Kirche lebt in einer Zeit der geistigen und materiellen Not, kann und sollte dies aber als theologische und architektonische Herausforderung annehmen. Denn dann ist „die ‚Notkirche‘ nicht mehr ein zaghaftes Behelf oder eine entsagungsvolle Nebenaufgabe, nein, sie ist die freudevolle Kernaufgabe für Baumeister und bildende Künstler, für die Gemeinden und für die Kirche.“

(Das Foto, von Steffen Hafner, zeigt die erste der Bartning’schen Notkirche, nämlich die Auferstehungskirche in Pforzheim. Sie wurde am 24. 10. 1948 eingeweiht.)

P.S.: Über „die Kultur der Rechten“ und die Frage, warum einige ostdeutsche Bürgerrechtler irgendwie abgedriftet zu sein scheinen, spreche ich in meinem Podcast mit dem Experten David Begrich aus Magdeburg.

Neue Lesermeinung schreiben

Wir freuen uns über einen anregenden Meinungsaustausch. Wir begrüßen mutige Meinungen. Bitte stützen Sie sie mit Argumenten und belegen Sie sie nachvollziehbar. Vielen Dank! Damit der Austausch für alle ein Gewinn ist, haben wir Regeln:

  • keine werblichen Inhalte
  • keine Obszönitäten, Pornografie und Hasspropaganda
  • wir beleidigen oder diskriminieren niemanden
  • keine nicht nachprüfbaren Tatsachenbehauptungen
  • Links zu externen Webseiten müssen zu seriösen journalistischen Quellen führen oder im Zweifel mit einem vertretbaren Prüfaufwand für die Redaktion verbunden sein.

Die Redaktion behält sich das Recht vor, Beiträge zu bearbeiten, macht dies aber stets kenntlich. Wir zensieren nicht, wir moderieren.
Wir prüfen alle Beiträge vor Veröffentlichung. Es besteht kein Recht auf Publikation eines Kommentars.

Über diesen Blog

Auch das Überflüssige ist lebens­notwendig: Der Autor und Theologe Johann Hinrich Claussen reist durch die Weiten von Kunst und Kultur

Johann Hinrich Claussen
Johann Hinrich Claussen ist Kulturbeauftragter der Evangelischen Kirche in Deutschland. Das heißt, er kümmert sich um das Gespräch zwischen Kirche und Kultur.

Blogs auf chrismon.de

Hier finden Sie eine Übersicht aller Blogs auf chrismon.de
Und hier können Sie alle Blogs direkt abonnieren

Blogs

Text:
42 Beiträge

Dorothea Heintze lebt in einer Baugemeinschaft in Hamburg und weiß aus eigener Erfahrung: Das eigene Wohnglück finden ist gar nicht so einfach. Dabei gibt es tolle, neue Modelle. Aber viele kennen die nicht. Und die Politik hinkt der Entwicklung sowieso hinterher. Über all das schreibt sie hier.

Text:
Susanne Breit-Keßler
159 Beiträge

Essen und Trinken hält Leib und ­Seele zusammen. Und darüber Neues zu lesen, macht den Geist fit. Susanne Breit-Keßler wünscht Guten Appetit!

Text:
9 Beiträge

Die afghanische Frauenrechtlerin Tahora Husaini hat in Berlin Zuflucht gefunden. Oft ist sie mit ihren Gedanken in ihrer Heimat, bei ihrer Familie, bei den hochragenden Bergen um Kabul. In ihrem Blog nimmt sie uns mit.

Text:
26 Beiträge

Als das Hochwasser kam, war Pastor Thomas Rheindorf gerade zur Seelsorge unterwegs. Geschichten aus dem Ahrtal: über Trauer, Tod und Hoffnung.

Text:
Franz Alt
202 Beiträge

„Lust auf Zukunft“ will unser Kolumnist Franz Alt vermitteln. Ob Energie, Politik, Gesellschaft, Familie oder Umwelt - überall ist der Wandel möglich und durch den Wandel eine bessere Welt für uns alle

Text:
Johann Hinrich Claussen
232 Beiträge

Auch das Überflüssige ist lebens­notwendig: Der Autor und Theologe Johann Hinrich Claussen reist durch die Weiten von Kunst und Kultur

Text:
Hanna Lucassen
41 Beiträge

Schwester, Schwester! Hanna Lucassen erzählt von Streiks, Spritzen und Sonntagsdiensten.