Johann Hinrich Claussen über die Hagia Sophia

Religionspolitische Reisewarnung: Türkei
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jhc

Die fatal-infame Entscheidung des türkischen Präsidenten, die Hagia Sophia wieder in eine Moschee umzuwandeln, hat weltweit und in Deutschland Proteste ausgelöst: auch die evangelische Kirche sowie einige muslimische Repräsentanten haben Einspruch erhoben. Das ist ein wichtiges Zeichen, wird aber folgenlos bleiben. Man kann auf solche Protestäußerungen nicht verzichten, doch sie bewirken nichts.

Vielleicht hilft es, wenn mehr Deutsche darüber ins Grübeln geraten, ob sie ihren nächsten Urlaub in der Türkei verbringen sollten. Dies wird gerade seuchentechnisch diskutiert: Die türkische Regierung beteuert, es sei sicher in den Hotels und an Stränden des Landes, die deutsche Regierung bleibt skeptisch. Mag sein, dass die türkische Regierung recht hat, aber sie hat schon seit langem ihre Glaubwürdigkeit verspielt. Und jetzt noch diese, wie gesagt, fatal-infame Entscheidung, ein spirituelles Weltkulturerbe der eigenen Religionspartei als Beute zuzuschlagen.

Deutsche sollten wissen, dass dies kein isolierter symbolischer Akt ist, sondern für die religionspolitische Atmosphäre in diesem Land insgesamt steht. Das zeigt sich daran, dass viele kirchliche Repräsentanten in der Türkei sich lange nicht öffentlich geäußert haben, aus Angst. Sie müssen seit jeher unter einer bedrückenden Rechtsunsicherheit leben. Alte einheimische Kirchen, Auslandsgemeinden und besonders die Konvertiten in neuen evangelikalen Gemeinden werden gezielt juristisch im Vagen gehalten. Nicht, dass sie beständig bedrängt oder gar verfolgt würden, aber sie können sich ihrer Rechte niemals sicher sein. Vor diesem Hintergrund entfaltet die Re-Islamisierung der Hagia Sophia eine massiv ungute Wirkung unter Christen und anderen religiösen Minderheiten in der Türkei.

Will man sich in solch einem Land erholen? Die türkische Regierung jedenfalls sollte einsehen, dass sie nicht beides zugleich haben kann: eine aggressive Staatsreligion und eine attraktive Reisewirtschaft, europäische Gäste und glückliche Fanatiker.

P.S.: Mit den Schweizer Kollegen von reflab.ch mache ich neuerdings einen Podcast – alle zwei Wochen ein halbstündiges Gespräch über Kultur und Religion. Die neue Folge bringt eine Unterhaltung mit Urte Evert, der Leiterin des Museums Spandauer Zitadellle, das einen besonderen Weg im Umgang mit problematischen Denkmälern entwickelt hat. Man kann dies jetzt über die Website von reflab oder Spotify und nun auch bei Apple Podcasts hören.

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Johann Hinrich Claussen ist Kulturbeauftragter der Evangelischen Kirche in Deutschland. Das heißt, er kümmert sich um das Gespräch zwischen Kirche und Kultur.

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