Johann Hinrich Claussen über die Berliner Biennale

Antichurch
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jhc

„Antichurch“ heißt ein Teil der diesjährigen Berliner Biennale, zu sehen im KW Institute for Contemporary Art, Auguststraße 69. Das ist nur wenige Schritte von meinem Büro entfernt. Also bin ich gleich vorbeigegangen und habe sie mir angesehen. Sehr anregend fand ich sie. Da ich kein ausgebildeter Kunstkritiker bin, versuche ich mich nicht an einer eigenen Ausstellungsbesprechung, sondern verweise auf meine Blogger-Kollegin Johanna Di Blasi, die eine überaus kluge, feinsinnige, differenzierte Kritik dieser Schau genderpolitisch hochengagierter Kunstwerke vor allem aus Lateinamerika geschrieben hat.

Lieber bleibe ich mich auf einem Feld, das mir vertrauter ist, und nutze „Antichurch“ für eine kleine Predigtkritik. Denn der einführende Text des kuratorischen Teams, gleich im Torbogen an die Wand geklebt, liest sich in der Tat wie eine Predigt:

„Können wir unseren kollektiven Körper von patriarchalischer Gewalt und der Gefahr, die sie darstellt, befreien? Nach wie vor feiern die Massen den weißen Vater, den Priester und den Staatsmann, der von seiner nationalistischen Kanzel herab predigt. In der gesichtslosen Menge der Anbetenden drängt sich Leib an Leib. Die sexualisierte Politik des Faschismus manifestiert sich im Zusammenspiel mit der ekstatischen, alle Häretiker*innen erfassenden Repression. In ihren zahlreichen Mutationen setzt die Religion des Kolonialkapitalismus den kriminellen Amoklauf gegen die wachsende Mehrheit der Ungläubigen fort. Diese wiederum wenden sich von den alten, blassen Göttern und ihren Fundamentalismen ab, vandalisieren Kathedralen, verkünden, dass auch ihre Statuen stürzen werden. Der Klerus insistiert, der heidnische Feind sei mächtig, unsichtbar und omnipräsent, und glücklicherweise stimmt das. In Konfrontation zu den neuen Theokrat*innen, ihren Anhänger*innen und ihrer mörderischen Historie stehen diejenigen, die zurückschlagen, indem sie schlicht ihr Leben leben. Ihre Existenz allein ist eine Übung im Überleben, gegenwärtig im Alltagskampf, der in diesem Augenblick überall auf dem Planeten geführt wird. Schlaflieder, gesungen von den Alten, Rebellionen, gewebt von indigenen Frauen, Kinder, ihren Müttern entrissen, die neue Verwandtschaften finden. Emanzipatorische Kosmologien und Sexualitäten bauen private und kollektive Gegenkirchen, queere und transfeministische Tempel, die sich der Taktik der Angst und des Fanatismus der Autokrat*innen und ihren makabren Prozessionen stellen. Sie sagen: ‚Wir sind die Enkel*innen der Hexen, die ihr verbrannt habt.‘ Sie vollziehen Rituale feministischer Solidarität. Sie erfinden die matriarchalischen Allianzen der rebellischen Trauer. Sie teilen ihre Verletzlichkeit und ihre Geschichten. Sie sind spirituelle Heiler*innen. Sie sind immer viele, und niemals allein.“

Wenn man als deutscher Ausstellungsbesucher unvorbereitet auf diese Zeilen stößt, wirken sie auf einen wie eine höchst problematische Predigt. Eine ganze Reihe unschöner rhetorischer Tricks fallen ins Auge. Es beginnt mit der Behauptung eines ebenso unbestimmten und aufgeladenen „Wir“. Wer soll das sein: die Künstlerinnen und Künstler, die Besucherinnen und Besucher, alle, die auf der richtigen Seite stehen, oder – mit Otto Waalkes zu sprechen – „vier alle“? Ein Prediger müsste doch erst Gründe für eine gemeinsame Ausrichtung benennen, anstatt die Angesprochenen umstandslos zu vereinnahmen. Dem ominösen „Wir“ entspricht ein ebenso unbestimmtes wie aufgeladenes „Die“. „Die“ das sind offenkundig die anderen, eine Einheitsfront des Bösen: Faschismus, Kolonialismus, Kapitalismus, Nationalismus, Fundamentalismus, Christentum. Mit Hilfe eines scharfen Dualismus von wir/gut und die/ böse soll hier also eine Gemeinschaft gestiftet und Eindeutigkeit hergestellt werden. Das erinnert an allerlei historische Predigten, die Differenzierung abgestellt haben, um die Bildung eines eigenständigen politischen Urteilsvermögens nicht eben zu befördern. Das Hauptproblem solcher Rede ist, dass sie im Überschwang des bloßen Dagegen-Seins dem immer ähnlicher wird, wogegen sie ist. Sie gleicht sich dem Feind an, ersetzt den einen Populismus durch einen anderen. Aus der Kirchengeschichte ist dies nicht unbekannt: Mitglieder einer verfolgten Minderheit schließen sich unter dem Einfluss apokalyptischer, verschwörungsmythologischer Predigten zu einer sektenartigen Gegenkirche zusammen, die ihre eigenen Aggressionspotentiale besitzt. Hoffnung und Trost gibt es nur in dem Bewusstsein, zur kleinen Schar der wahrhaft Gerechten zu gehören – wie auch am Ende dieses Textes.

Wie gesagt, das ist nur ein Versuch, einen kuratorischen Text einer Predigtkritik zu unterziehen. Das Anliegen der Ausstellung selbst, auf das emanzipatorische Engagement bedrängter, ausgebeuteter und verzweifelter Menschen in Lateinamerika, Südkorea und anderen Weltgegenden aufmerksam zu machen sowie für mehr globale Gender-Gendergerechtigkeit zu werben, kann ich gut nachvollziehen. Nur braucht es dafür einen solch aufgedreht-gegenkirchlichen Text, der doch für einen deutschen Kontext gar keinen Sinn ergibt? (Gott sei Dank, möchte man sagen, werden solche Predigten in evangelischen Kirchen in Deutschland nicht mehr gehalten.) Ich jedenfalls hätte die Ausstellung interessanter, unbefangener und offener betreten, wenn ich am Eingang nicht so angebrüllt worden wäre.

Nun habe ich unter Aufbietung meiner restlichen Spanischkenntnisse meine Anfragen dem kuratorischen Team geschickt. In ihrer freundlichen Antwort hat mir eine Kuratorin ihren Bezugspunkt deutlich zu machen versucht: die religiös hochgradig aufgeladene Herrschaft von Populisten und Kapitalisten zum Beispiel in Brasilien. Das kann ich nachvollziehen. Ich habe ihr geantwortet, warum ihr Text dennoch für mich anstößig war: 1. habe ich einmal in einer kleinen evangelischen Kirche in Lateinamerika gearbeitet, die sich für Gerechtigkeit einsetzt, und sie ist nicht die einzige; das Christentum darf also nicht den Populisten überlassen werden; 2. befindet sich meine evangelische Kirche - und auch ich selbst - in intensiven Auseinandersetzungen mit Rechtspopulisten, weshalb wir nicht gern zur anderen Seite gezählt werden.

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