Johann Hinrich Claussen über den Karfreitag

Johann Hinrich Claussen über den Karfreitag
Die letzten Worte Jesu – ganz neu
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Foto: privat

Der großer US-amerikanische Dichter Mark Strand (1934-2914) hat in seinen letzten Lebensjahren, obwohl selbst ganz säkular, einen Zyklus über die sieben Worte Jesu am Kreuz geschrieben. Dieser kommt ohne all die bekannten Wörter der kirchlichen Tradition aus wie Kreuz, Leiden, Jesus, Gott. Die Verse sind einfach, aber sie lassen sich nicht direkt zuordnen. In ihnen lebt ein Staunen, eine Art Ehrfurcht. Sie verneigen sich vor den alten Worten, sind darin aber ganz frei. Dabei deuten und erklären sie nichts, vielmehr schweben sie und bringen ins Schweben. Gerade dadurch nehmen sie den Leser hinein in diese Geschichte. Dies ist eines dieser wundersamen sieben Gedichte:

 

„Es ist vollbracht“, sagte er. Man konnte hören, wie er es sagte,

die Worte fast ein Flüstern, dann nicht einmal mehr das,

sondern nur ein Echo so schwach, als käme es gar nicht mehr

von ihm, sondern von woanders her. Dies war sein Augenblick,

sein letzter Augenblick. „Es ist vollbracht“, sagte er in eine Weite,

die in eine noch größere Weite führte, und doch war alles von ihr

in ihm. Er umfing alles. Das war das Wunder,

beides, groß und klein zu sein in demselben Moment, so wie wir

zu sein, aber zugleich mehr, dann endlich den Geist aushauchen,

so geschah es. Und aus dem Sturm, der in seiner Spur

aufwirbelte, nahm eine förmliche Nacktheit Gestalt an, die Wahrheit

der Verkleidung und die Maske des Glaubens wurden für immer vereinigt.

 

P.S.: Wer am ganzen Zyklus interessiert ist, wende sich vertrauensvoll an: kultur@ekd.de

P.P.S.: Die Pietà, die oben im Bild zu sehen ist, steht in der Trinitatiskirche zu Neuruppin. Nicht nur im Fontane-Jahr ist sie einen Besuch wert.

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Auch das Überflüssige ist lebens­notwendig: Der Autor und Theologe Johann Hinrich Claussen reist durch die Weiten von Kunst und Kultur

Johann Hinrich Claussen
Johann Hinrich Claussen ist Kulturbeauftragter der Evangelischen Kirche in Deutschland. Das heißt, er kümmert sich um das Gespräch zwischen Kirche und Kultur.

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Zwei Redaktionen, ein Blog: Dominique Bielmeier arbeitet bei der Sächsischen Zeitung in Dresden. Anne Buhrfeind und Dorothea Heintze bei chrismon in Frankfurt. Nun bloggen sie: Über ihren Redaktions-Austausch, ihr Leben als Ossi im Westen, ihr Leben als Wessi im Osten. Und ihren Alltag, hier wie dort.