Johann Hinrich Claussen über den Internationalen Frauentag

Johann Hinrich Claussen über den Internationalen Frauentag
Bilder vs. Worte
berlin.jpg

Foto: privat

Mein Berliner Büro ist heute geschlossen geblieben, denn in der Hauptstadt wurde der Internationale Frauentag begangen. Das hat mir die Chance gegeben, in Ruhe über eine  Paradoxie nachzudenken.

Ein beliebtes Aufreger-Thema ist die geschlechtergerechte Sprache. Viele fordern ein Ende der sprachlichen Diskriminierung von Frauen. Andere empören sich über immer neue Sprech-Vorschriften. Die Sprache, so scheint mir, ist ein Lebewesen, das sich gemeinsam mit der Wirklichkeit verändert, die sie auszudrücken versucht. Da die gesellschaftliche Wirklichkeit der Geschlechter sich erheblich verwandelt, ist auch sprachlich vieles in Bewegung geraten. Das ist kein Grund zur Empörung, sondern ein Anlass zur Freude und Neugierde. Man kann diese Entwicklung befördern, aber zu starr sollte man dabei nicht vorgehen. Es könnte ja sein, dass zum Beispiel der Gender-Stern nur ein Provisorium bleibt und bald durch etwas anderes und Besseres ersetzt wird.

Mich beschäftigt aber etwas anderes, nämlich dieser Widerspruch: Einerseits wird versucht, in der Sprache die Unterschiede zwischen den Geschlechtern zu überwinden, andererseits ist zu beobachten, wie in den Bilderwelten der Konsum- und Köperkultur diese Unterschiede deutlich massiver herausgestellt werden. Bei der Selbstdarstellung von Prominenten und deren Fans auf Instragram zum Beispiel werden weibliche und männliche Klischees ziemlich krass ins Bild gesetzt. Auch hat die Konsumwirtschaft ein großes Interesse daran, ihre Produkte jeweils an Frauen und Männer, Mädchen und Jungs getrennt zu verkaufen. Bei Kosmetikartikeln kann sie dann nämlich die „pink tax“ erheben, das heißt einen höheren Preis bei Frauenartikeln fordern. (Früher gab es ja noch Deos für die ganze Familie!) Auch lässt sich nicht übersehen, dass viele männliche Teenager sich aus Gründen der Geschlechteroptik mächtige Muskeln antrainieren.

Wie ist diese Paradoxie zu deuten: Im Wort gehen die Geschlechterunterschiede zurück, im Bild nehmen sie zu? Was hat das eine mit dem anderen zu tun? Oder steht beides ohne Verbindung zueinander, weil es sich jeweils in unterschiedlichen Lebenswelten erreignet? Und was ist am Ende mächtiger: das Wort oder das Bild?

P.S.: Die Fassadenmalerei oben findet man in Berlin, in der Schönhauser Allee.

P.P.S.: Eine Ausstellung, die heute im Düssledorfer Kunstpalas eröffnet wurde, aber nicht nur am Frauentag sehenswert ist, ist die Präsentation faszinierend-verstörender Bilder von Kriegsfotografinnen.

Neue Lesermeinung schreiben

Wir freuen uns über einen anregenden Meinungsaustausch. Wir begrüßen mutige Meinungen. Bitte stützen Sie sie mit Argumenten und belegen Sie sie nachvollziehbar. Vielen Dank! Damit der Austausch für alle ein Gewinn ist, haben wir Regeln:

  • keine werblichen Inhalte
  • keine Obszönitäten, Pornografie und Hasspropaganda
  • wir beleidigen oder diskriminieren niemanden
  • keine nicht nachprüfbaren Tatsachenbehauptungen
  • Links zu externen Webseiten müssen zu seriösen journalistischen Quellen führen oder im Zweifel mit einem vertretbaren Prüfaufwand für die Redaktion verbunden sein.

Die Redaktion behält sich das Recht vor, Beiträge zu bearbeiten, macht dies aber stets kenntlich. Wir zensieren nicht, wir moderieren.
Wir prüfen alle Beiträge vor Veröffentlichung. Es besteht kein Recht auf Publikation eines Kommentars.

Über diesen Blog

Auch das Überflüssige ist lebens­notwendig: Der Autor und Theologe Johann Hinrich Claussen reist durch die Weiten von Kunst und Kultur

Johann Hinrich Claussen
Johann Hinrich Claussen ist Kulturbeauftragter der Evangelischen Kirche in Deutschland. Das heißt, er kümmert sich um das Gespräch zwischen Kirche und Kultur.

Blogs

Text:
Susanne Breit-Keßler
50 Beiträge

Essen und Trinken hält Leib und ­Seele zusammen. Und darüber Neues zu lesen, macht den Geist fit. Susanne Breit-Keßler wünscht Guten Appetit!

Text:
Claudius Grigat
25 Beiträge

Schön bunt ist das Familienleben, manchmal auch zu bunt. Geschichten aus dem turbulenten Alltag von Claudius Grigat

Text:
Johann Hinrich Claussen
107 Beiträge

Auch das Überflüssige ist lebens­notwendig: Der Autor und Theologe Johann Hinrich Claussen reist durch die Weiten von Kunst und Kultur

Text:
Franz Alt
71 Beiträge

„Lust auf Zukunft“ will unser Kolumnist Franz Alt vermitteln. Ob Energie, Politik, Gesellschaft, Familie oder Umwelt - überall ist der Wandel möglich und durch den Wandel eine bessere Welt für uns alle

Text:
Anne Buhrfeind, Dominique Bielmeier
18 Beiträge

Und jetzt, was ist passiert? Dominique Bielmeier von der Sächsischen Zeitung und Anne Buhrfeind von chrismon sitzen nach ihrem Schreibtischtausch längst wieder in ihren eigenen Büros. Hier geht der Austausch weiter: Sie schreiben aus und über Dresden und Frankfurt am Main, über Ost und West – aus dem Alltag in spannenden Zeiten.