Johann Hinrich Claussen über das MARKK

Johann Hinrich Claussen über das MARKK
Ein Museum nur für mich
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jhc

Früher habe ich oft davon geträumt, einmal ein Museum ganz für mich zu haben. Heute ist es Normalität: Ich gehe in eines der wieder geöffneten Häuser, Stille begrüßt mich, ganz allein streife ich durch die menschenleere Säle und muss all die Schätze mit niemandem teilen.

Aber so richtig freuen kann ich mich darüber nicht. Ich wundere – nein, ich ärgere mich. Es ist ja nicht nur die Ansteckungsgefahr, die Menschen von einem Museumsbesuch abhält, sondern auch eine gewisse Ignoranz – oder soll ich sagen: Entwöhnung? Über die Jahre wurde uns beigebracht, dass man Kultureinrichtungen nur zu großen Sonderereignissen besuchen sollte oder als Tourist in einer fremden Stadt. Dabei ist es doch ein Bürger-Privileg, dass einem die Sammlungen der heimischen Museen mitgehören. Doch wirklich zum Besitz wird nur das, was man sich innerlich zu eigen macht. Die beste Methode dafür heißt: regelmäßig besuchen, auch ohne spektakuläre Anlässe. Das verbindet den Besuch eines Museum mit demjenigen eines Gottesdienstes: Bei ernsthaften kulturellen und existentiellen Erfahrungen spielt die Wiederholung eine viel größere Rolle, als uns in den vergangenen Jahren gesagt wurde. Wieder und wieder hingehen, anschauen und zuhören – das ist der Schlüssel zu Einsicht und Erbauung.

Vor zwei Tagen habe ich in Hamburg das MARKK besucht, das „Museum am Rothenbaum. Kulturen und Künste der Welt“. Ich hatte es fast ganz für mich allein. Es ist ein Haus mitten im Umbruch. Früher hieß es „Völkerkundemuseum“ und war vor allem wegen seiner besonders liebevollen Kindergeburtstagsprogramme bekannt: Hieroglyphen malen, mit Pfeil und Bogen schießen, sich vor Südsee-Masken gruseln. Das war wirklich schön gewesen, kann heute aber nicht mehr alles sein. Deshalb erfindet sich das MARKK gerade neu, hat nicht nur den Namen gewechselt, sondern versucht einen anderen Umgang mit der eigenen, hauptsächlich zu Kolonialzeiten erworbenen Sammlung. Einige Säle haben schon ein neues Gesicht, andere eher nicht: Da begegne ich wieder den Masken, Mumien und Goldschätzen, die ich schon früher bestaunt habe, heute aber gern anders erklärt und präsentiert hätte. Offenkundig fehlt es an Personal und Budget. Doch ein Saal zeigte mir, was möglich ist: Er erzählte die Entstehung der eigenen ethnologischen Sammlung, welche Hamburger Kaufleute welche Artefakte aus Amerika, Afrika oder Asien mitgebracht haben, was man über die Methoden des Erwerbs weiß oder auch nicht und wie man sie heute beurteilen müsste. Man trifft auf viele Namen, die man heute noch in Hamburg kennt. Das MARKK ist eben kein „Völkerkundemuseum“ mehr, sondern ein Museum über die eigene Stadtgeschichte und Hamburgs Beteiligung am Kolonialismus. Eigentlich müsste man den Bürgerinnen und Bürgern der ach so stolzen Hansestadt einen Besuch dieses Hauses zur Pflicht machen, wenn sie nicht freiwillig kommen wollen.

P.S.: Mit den Schweizer Kollegen von reflab.ch mache ich neuerdings einen Podcast – alle zwei Wochen ein halbstündiges Gespräch über Kultur und Religion. Die neue Folge bringt eine Unterhaltung mit Olaf Zimmermann, dem Geschäftsführer des Deutschen Kulturrats. Wir sprechen über die politischen Anstrengungen, die Kultur in der Pandemie zu bewahren. Man kann dies jetzt über die Website von reflab oder Spotify und nun auch bei Apple Podcasts hören.

P.P.S.: Über die Umwandlung der Hagia Sophia habe ich mich noch lange nicht beruhigt. Nun hat meine Blogger-Kollegin Johanna Di Blasi einen sehr klugen Kommentar geschrieben, den ich sehr empfehle.

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