Johann Hinrich Claussen über Corona-Tote

Wer nennt die Namen, zeigt die Gesichter, erzählt die Geschichten?
advent.jpg

jhc

In Ländern, in denen viele Menschen an Covid19 gestorben sind, wurden beeindruckende Versuche unternommen, die einzelnen Lebensgeschichten hinter den Sterbestatistiken sichtbar zu machen. Warum geschieht so etwas nicht auch in Deutschland?

Als die schreckliche Zahl „100.000“ überschritten war, stellte die „New York Times“ in einer journalistischen Herkules-Tat viele, viele, viele der Verstorbenen vor, nannte ihre Namen, brachte Erinnerungen, erzählte Trauriges, Anrührendes, Humorvolles. Berühmte Menschen waren dabei und un-berühmte, Alte und Jüngere, Männer und Frauen aus den verschiedensten Herkünften. Bald wird die Zahl „300.000“ überschritten sein. Ob die „New York Times“ dazu etwas Ähnliches plant?

Bisher ist Deutschland, was die Todeszahlen angeht, vergleichsweise glimpflich durch die Pandemie gekommen. Ich selbst kenne nur zwei Menschen, die gleich zu Beginn „mit“ Covid19 verstorben sind. Ihre Familien und Freunde haben sie beigesetzt und gedenken ihrer. So ist es gut, so ist ausreichend. Doch wird nicht bald eine Zeit kommen, wo es deutlich mehr Todesfälle geben wird? Oder ist sie schon da? Die Zahl „400“ steht im Raum – so viele ungefähr sollen jeden Tag in Deutschland dem Virus zum Opfer fallen. Doch seltsam: In den Traueranzeigen ist davon bisher nichts zu lesen. Auch in den Zeitungen ist dies bisher kein Thema. Das hat auch sein Gutes: Auf noch mehr Skandalisierung können wir gut verzichten. Ich ärgere mich schon genug, wenn ich von Medien mit kopf- und herzlosen Vergleichen „wie ein Jumbojet-Absturz pro Tag“ belästigt werde. Bei „CNN“ zieht man sogar ritualhaft die Vergleichsgrößen „Vietnam-Krieg“ oder „Pearl Harbour“ heran. Das finde ich abstoßend.

Ganz nüchtern betrachtet, ist eine Überlastung der Friedhöfe, Bestattungsunternehmen, Pastoren oder Trauerrednerinnen noch nicht zu befürchten. Die 400 Sterbefälle verteilen sich ja auf das ganze Land. Und bisher war es eher so, dass es hier eine "Unterlastung" gab. In Metropolgebieten findet für über die Hälfte der Verstorbenen gar nichts mehr statt, außer einem "stillen Abtrag". Schockierende Bilder und Nachrichten von Friedhöfen am Rande der Erschöpfung wird es wahrscheinlich erst einmal nicht geben. Deshalb stellt sich die Frage danach, wie wir der Corona-Toten gedenken, anders, ernster, leiser, intensiver.

Gedenken geschieht am besten still, aber es hilft auch eine rituelle Gestalt. Eine nationale Gedenkstunde wünsche ich mir nicht, da befürchte ich staatstragende Vereinnahmungen. Aber wie wäre es, wenn die Kirchengemeinden sich etwas überlegten? Auch hier wird es – Gott sei Dank – immer noch vergleichsweise wenige Corona-Beerdigungen geben. Doch könnte man zum Beispiel zu Beginn des Fürbittengebets in der Stille eine Kerze stellvertretend für alle, die besonders unter der Pandemie zu leiden haben – die Erkrankten, die Verstorbenen, die Angehörigen – entzünden. Am besten für einen vorher bestimmten Zeitraum, damit es sich nicht erschöpft. Oder man macht es selbst zu Hause: Jedes Mal, wenn man die Kerzen auf dem Adventskranz entzündet, denkt man – nicht an eine hohe Zahl, sondern an unverwechselbare Menschen, die fehlen werden.

P.S.: Wer etwas Schönes erleben und dem allgemeinen-aufgeregten Gerede entkommen möchte, dem empfehle ich eine Radiosendung mit der Dichterin Dorothea Grünzweig. Sie lebt im fernen Finnland, schreibt wunderbare Verse und hat sie hier in einem sehr klugen, charmanten Gespräch vorgestellt.

Neue Lesermeinung schreiben

Wir freuen uns über einen anregenden Meinungsaustausch. Wir begrüßen mutige Meinungen. Bitte stützen Sie sie mit Argumenten und belegen Sie sie nachvollziehbar. Vielen Dank! Damit der Austausch für alle ein Gewinn ist, haben wir Regeln:

  • keine werblichen Inhalte
  • keine Obszönitäten, Pornografie und Hasspropaganda
  • wir beleidigen oder diskriminieren niemanden
  • keine nicht nachprüfbaren Tatsachenbehauptungen
  • Links zu externen Webseiten müssen zu seriösen journalistischen Quellen führen oder im Zweifel mit einem vertretbaren Prüfaufwand für die Redaktion verbunden sein.

Die Redaktion behält sich das Recht vor, Beiträge zu bearbeiten, macht dies aber stets kenntlich. Wir zensieren nicht, wir moderieren.
Wir prüfen alle Beiträge vor Veröffentlichung. Es besteht kein Recht auf Publikation eines Kommentars.

Über diesen Blog

Auch das Überflüssige ist lebens­notwendig: Der Autor und Theologe Johann Hinrich Claussen reist durch die Weiten von Kunst und Kultur

Johann Hinrich Claussen
Johann Hinrich Claussen ist Kulturbeauftragter der Evangelischen Kirche in Deutschland. Das heißt, er kümmert sich um das Gespräch zwischen Kirche und Kultur.

Blogs auf chrismon.de

Hier finden Sie eine Übersicht aller Blogs auf chrismon.de
Und hier können Sie alle Blogs direkt abonnieren

Blogs

Text:
Johann Hinrich Claussen
200 Beiträge

Auch das Überflüssige ist lebens­notwendig: Der Autor und Theologe Johann Hinrich Claussen reist durch die Weiten von Kunst und Kultur

Text:
Susanne Breit-Keßler
127 Beiträge

Essen und Trinken hält Leib und ­Seele zusammen. Und darüber Neues zu lesen, macht den Geist fit. Susanne Breit-Keßler wünscht Guten Appetit!

Text:
11 Beiträge

Dorothea Heintze lebt in einer Baugemeinschaft in Hamburg und weiß aus eigener Erfahrung, wie schwer das eigene Wohnglück zu finden ist.

Text:
Franz Alt
161 Beiträge

„Lust auf Zukunft“ will unser Kolumnist Franz Alt vermitteln. Ob Energie, Politik, Gesellschaft, Familie oder Umwelt - überall ist der Wandel möglich und durch den Wandel eine bessere Welt für uns alle

Text:
Hanna Lucassen
26 Beiträge

Schwester, Schwester! Hanna Lucassen erzählt von Streiks, Spritzen und Sonntagsdiensten.